Fernsehen : Vorsicht, Hype!

Alle Sender wollen den interaktiven Zuschauer. Aber der will nur – fernsehen. Von n-tv-Moderatorin Leo Busch.

Leo Busch
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Moderatorin Leo Busch liebt Zuschauerbeteiligung per SMS, Mail oder Webcam. -Foto: n-tv

Sie sind zwölf, 13 Jahre alt, sie haben ihren eigenen Laptop und sie können sich stundenlang in ihren Zimmern verkriechen und mailen oder chatten. Dass parallel dazu der eigene Fernseher läuft, ist keine Seltenheit. Die Kinder meiner Freunde wachsen multimedial auf und haben keine Scheu vor digitalem Exhibitionismus auf Facebook und SchülerVZ. Kein Wunder, dass sich immer mehr Fernsehmacher auf der Jagd nach jungen Zuschauern im Internet wiederfinden.

Mittlerweile werden – gefühlt im Wochentakt – allerorten neue, besonders interaktive TV-Formate angekündigt. Jetzt, im „Superwahljahr“ scheint sich der Trend deutlich zu verstärken. Ob mein Kollege Kloeppel von RTL, ob Christiansen/Aust auf Sat 1, ob das ZDF mit Illner und Kavka, alle wollen, dass Wähler Fragen an die Kandidaten stellen können.

Beschworen wird dabei der aktive Zuschauer. Oder allgemeiner und im BWLer-Deutsch: der „Prosument“, eine Mischung aus dem klassischen Konsumenten und Produzenten, der gleichzeitig hinter TV und PC sitzend sein abendliches Programm gestaltet. Diesem Mischwesen jagen alle hinterher. Die um ihre unter 65-jährigen Zuschauer besorgten Intendanten erspähen den künftigen Gebührenzahler, kostenbewusste Privatsenderchefs freuen sich darauf, die ohnehin knappen Budgets zusammenstreichen zu können. Und Zukunftsforscher beschwören den sich einmischenden Bürgerjournalisten. Doch diese Mischwesen sind alle nur Menschen. Menschen, die eine Schularbeit vorbereiten müssen. Menschen, die arbeiten müssen. Menschen, die eine Familie versorgen müssen. Alle verbindet eines: Sie haben nicht unbegrenzt Zeit und sind manchmal einfach nur müde.

Damit kommen wir zur bitteren Pille, die alle euphorischen Jäger schlucken müssen: es gibt nicht viele dieser Mischwesen. Drei Jahre und über 150 Sendungen interaktive Talkshow busch@n-tv haben mich etwas Bescheidenheit gelehrt. Die Wahrheit ist, dass viele Menschen nach wie vor zurückgelehnt fernsehen wollen. Und die Zwölf-, 13-Jährigen, die gleichzeitig im Internet hängen und den Fernseher laufen lassen, verlangen nicht unbedingt eine Verbindung zwischen beiden Medien. Das Internet ist für sie zum virtuellen Abhängen da, das Fernsehen liefert die Hintergrundkulisse.

Trotzdem gibt es Überscheidungen. Es hilft, wenn ich als Moderatorin den Politiker mittels Zuschauerfrage mit Volkes Stimme konfrontieren kann. Aber wirklich neu ist das nicht, schließlich lässt sich dasselbe Resultat auch mittels „Vox Pops“ (=TV-Slang für auf „der Straße“ eingesammelte O-Töne „normaler" Bürger) erreichen.

Meine Erfahrung mit Sendungen mit Zuschauerbeteiligung hat mich gelehrt, dass die Interaktivität Grenzen hat. Wenn es um „harte“ politische Themen geht, ist die Beteiligung überschaubar. So erreichen uns im Laufe einer „guten“ 45-minütigen Sendung busch@n-tv zwar immerhin um die 300 Mails und SMS mit Fragen oder Kommentaren. Bei rund 350 000 Sehern, die die Sendung verfolgen, sind das aber nicht einmal 0,1 Prozent. Noch rarer ist die Beteiligung per Webcam, da mögen noch so viele Menschen global übers Internet videotelefonieren. Die Hürde, sich via Webcam an einer TV-Diskussion zu beteiligen, ist derzeit hoch.

Um das grundlegend zu ändern, bräuchte man zwei Dinge: Erstens die enorme Masse an aktiven Nutzern, die qualitativ hochwertigen „user-generated Content“ à la Wikipedia überhaupt erst möglich macht. In einer immer stärker fragmentierten Medien- und TV-Landschaft ist jedoch gerade diese Masse knapp. Zweitens würde echtes „user-generated-TV“ den Willen der TV-Macher voraussetzen, wirklich die Kontrolle abzugeben. Wikipedianer sind motiviert, so viel Zeit zu opfern, weil sie selbst über das Endprodukt entscheiden. Gerade aber wenn man die notwendige Masse – sagen wir bei einem Kanzlerduell – erreicht, wird so leicht keine Redaktion wirklich die Kontrolle abtreten. Und auch kein Imagestratege von Angela Merkel oder Frank-Walter Steinmeier.

Auch wenn wir selbst dazu bereit sind: Die „interaktive Talkshow“ bleibt vor allem eines – Ziel. Auf dem Weg dahin werden wir als nächstes Zuschauer, die sich dafür interessieren, per Videokonferenz an den redaktionellen Besprechungen im Vorfeld teilnehmen lassen. Mit der Interaktivität im Fernsehen verhält es sich jedoch ein wenig wie mit der Volksabstimmung: Alle finden sie gut und doch sind in Berlin zuletzt zweimal Volksentscheide an zu geringer Beteiligung gescheitert. Es ist beinahe beruhigend, dass sich reale und virtuelle Welt offenbar nicht so sehr unterscheiden. Der Mensch schaut gerne zu. Partizipation – siehe Schweiz – will geübt sein. Ein Hype allein verändert noch keine Gewohnheiten. Wir werden dranbleiben. Versprochen.

Die Autorin moderiert seit April 2006 die interaktive politische Talkshow Busch@n-tv. Fernsehzuschauer können via E-Mail, SMS oder Videoanruf sowie das Studiopublikum direkt Fragen an den jeweiligen Gast richten. Die nächste Sendung von Busch@n-tv ist am 3. September.

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