Fernsehen : Wo das Leben noch ein Wunschkonzert ist

Weihnachtszeit ist Märchenzeit: Allein die ARD zeigt sechs Neuverfilmungen nach Erzählungen der Brüder Grimm.

Katja Hübner
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Da ist der Frosch davor: Prinzessin Sophie (Sidonie von Krosigk) braucht dringend die goldene Kugel aus dem Teich. -Foto: SWR

Eines von vielen Märchen beginnt um 17 Uhr am Heiligabend. Es klingelt und rumpelt an der Haustür. Im Wohnzimmer leuchtet der Tannenbaum, ein Kitschprodukt des Früher und Heute, immerhin mit echten Kerzen. Die Kinder sitzen bedächtig auf ihren Stühlen, die einzige Ruhe, einmal im ganzen Jahr. Der Weihnachtsmann kommt. Eigentlich das Heinzelmännchen, ein Politologe im dritten Studienjahr an der Freien Universität Berlin, der sich über die Studentenarbeitsvermittlung ein paar Euro hinzuverdienen will. Über einem großen, weißen Bart und unter einer roten Mütze lugt ein dunkles Brillengestell hervor. Mit tiefer Stimme fragt er die Kinder: „Wart ihr auch immer artig?“ Spätestens in dem Moment fängt bei der Tochter das Herzklopfen an, sie flüchtet sich auf den Schoß der Mutter. Sie ahnt: Märchen können grausam sein. Bis sie gut enden, mit einem rosa Roller, kann es noch eine Weile dauern.

„Es gibt Wünsche im menschlichen Leben, die immer und immer wiederkehren, und aus ihnen schöpfen die Märchen“, hat Jacob Grimm einmal gesagt. Was passt also besser zu Weihnachten als Märchen? Allein der deutsch-tschechische Defa Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ ist an den Feiertagen neun Mal zu sehen. In einer Zeit, in der die Wünsche besonders groß sind, ist es draußen auch besonders kalt. Männer tragen Strumpfhosen und schenken ihren Frauen einen Gutschein für Tropical Islands. Die Finanzkrise tobt, aber echte Prinzen lassen sich nicht unterkriegen. Sie kämpfen unter schwierigen Bedingungen, selbst zu Weihnachten.

Wenn am ersten Weihnachtsfeiertag um 20 Uhr 15 auf RTL „Ice Age 2 – Jetzt taut’s“ läuft, treten parallel auf Pro 7 Russell Crowe als „Gladiator“ und Jörg Pilawa als Rateprinz in der ARD gegeneinander an. Der Moderator präsentiert sein „Großes Märchenquiz“ mit prominenten Gästen. Körperlich gesehen hat Jörg Pilawa gegen Russell Crowe verloren. Gewonnen hat er aber jetzt schon gegen Florian Silbereisen. Der stand vor einem Jahr am selben Abend als Weihnachtsmann in der Bördelandhalle in Magdeburg und träumte von knapp bekleideten Engeln. Der Geschmack spaltete das Volk, Jörg Pilawa muss es nun wieder vereinen.

Apfel, Spiegel, Gläserner Sarg? Spule, gebackenes Brot, Pech? Hochmütige Prinzessin, zerbrochenes Geschirr, Hochzeit? Das Märchenraten hat Tradition, ob an verregneten Sonntagen, an Kindergeburtstagen oder unterwegs. Die Märchen sind eine Quelle, aus der die ganze Familie schöpfen kann. Man wird mit Märchen groß, und man wird mit ihnen alt. Als Kind ist man fasziniert von den paradiesischen Zuständen in einem Land, in dem das Gute über das Böse siegt. Als Erwachsener rekonstruiert man dieses Gefühl aus der Kindheit, als hätten Gegenwart und Zukunft nicht mehr viel zu bieten. Drei Teams aus Kindern und Erwachsenen, darunter Sandra Maischberger und Ursula von der Leyen, treten beim Märchenquiz an - zum Fest der Liebe vereint die ARD das Bedürfnis nach Glückseligkeit mit geselligem Ratespaß.

Damit hat der Senderverbund einen ganz besonderen Marktwert entdeckt. Er folgt dem Ruf, dass Fernsehen etwas für alle ist. Es ist ein Ruf von früher, als die Familie gemeinsam Fernsehen schaute, weil es dort noch nicht viel Auswahl gab. So schwärmte man im Westen von der Fernsehreihe „Wir warten aufs Christkind“, die am Heiligabend mit Filmen und Augsburger Puppenkiste die Zeit bis zur Bescherung verkürzte.

Im Osten guckten Eltern gemeinsam mit Kindern und Großeltern jedes Jahr am 25. Dezember die Unterhaltungssendung „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“, die im Vormittagsprogramm lief. Einige von den damaligen Zuschauern sagen jetzt, dass ein Weihnachten ohne „Frühstück und Gänsebraten“ kein wirkliches Fest mehr sei. Der Erfolg der Sendung war eigentlich ganz einfach. Wenn es um 11 Uhr hieß: „Jetzt rasch die Kartoffeln aufsetzen“, fühlten sich alle Menschen, von Warnemünde bis nach Taucha, angesprochen. Das schuf Gemeinsamkeit. Heute schaffen das nur noch die „Tagesschau“ – und vielleicht die Märchen.

Unter dem Motto „Sechs auf einen Streich“ bringt die ARD mit sechs ihrer Landesrundfunkanstalten pünktlich zum Weihnachtsfest die Filme „Tischlein deck’ dich“ (WDR), „König Drosselbart“ (HR), „Frau Holle“ (RBB), „Brüderchen und Schwesterchen“ (MDR), „Das tapfere Schneiderlein“ (NDR) und „Der Froschkönig“ (SWR) heraus. In Vorbereitung auf das „Große Märchenquiz“ am Abend laufen drei der Produktionen am 25. Dezember nachmittags, die anderen drei werden am zweiten Weihnachtsfeiertag gezeigt.

Die Defa, die Deutsche Film AG der DDR, hatte sämtliche Märchen bereits vor 40 Jahren als Spielfilme auf den Markt gebracht. Als Grund für die Neuverfilmungen geben die Verantwortlichen unter anderem an, „dass sie berühmte Schauspieler aus dem Hier und Jetzt“ besetzen wollten. Das könnte ein gelungener Schachzug sein, wenn es darum geht, junges Publikum zu erheischen. Ken Duken, Jahrgang 1979, ist bestimmt ein aufregenderer König Drosselbart als der von Manfred Krug, der bereits seine Memoiren geschrieben hat. Weg mit dem alten „Tatort“-Kommissar, her mit dem Prinzen samt Dreitagebart! Ein wenig ist es so, als würde man plötzlich Omar Sharif als „Doktor Schiwago“ durch Daniel Brühl ersetzen. „Die tradierten Geschichten werden für Familien von heute nach heutigem Empfinden erzählt“, sagt ARD-Programmdirektor Volker Herres über die neuen Filme. Das heißt nicht, dass darin nun Prinzessinnen am Laptop oder Könige mit Mobiltelefonen auftauchen. Im Gegenteil. Die Märchen bleiben, was sie waren, klassisch und ironiefrei.

In herrschaftlicher Kulisse tanzt der Hof in Brokat. Die Küchenmägde machen im trüben Kellerlicht ihre Scherze. Und der Prinz will immer noch die Prinzessin. Die kommt im „König Drosselbart“ mit Jasmin Schwiers als ziemliche Schreckschraube daher – blond, blass, zickig. Ken Duken allerdings – und das ist anders als sonst – ist am Ende ein reuemütiger König, der einsieht, dass er die Prinzessin doch etwas zu sehr gequält hat. Der Mann, der heute eine Frau erobern will, bedarf einer gelungenen Mischung aus Macho und Schaf.

Genau genommen folgen alle sechs Filme demselben Prinzip: Sie wollen Etabliertes erhalten und dabei moderne Lässigkeit versprühen. Das gelingt unter anderem dank großartiger Schauspieler: Marianne Sägebrecht als „Frau Holle“, Kostja Ullmann als „Tapferes Schneiderlein“, Andrea Sawatzki als böse Stiefmutter in „Brüderchen und Schwesterchen“.

Mit „Dornröschen“ bietet auch das ZDF in diesem Jahr eine Märchenneuverfilmung an, und wenn dort am 25. Dezember zur besten Sendezeit Rosamunde Pilchers „Vier Jahreszeiten“ serviert wird, dann wirkt das wie ein Bemühen, dazuzugehören. Märchen, so scheint es, liefern einfache Wunder in Zeiten des Verlusts. Wenn kein Geld mehr fließt, rollt plötzlich der Rubel. Wenn es nichts zu essen gibt, deckt sich der Tisch von allein.

Der Reiz der Märchen liegt in dem Gefühl, das sie uns vermitteln: Die Welt ist in Ordnung, solange es Werte gibt. Liebe, Edelmut, Moral können selbst die hoffnungsloseste Krise überwinden. Und das lässt uns wenigstens für einen kurzen Moment in dem Glauben, wir hätten das Leben im Griff.

„Der Froschkönig“, ARD, 10 Uhr 03

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