Fernsehfilm : Besuch der jungen Dame

Im Kammerspiel „Schurkenstück“ probt Katharina Schüttler mit jungen Kriminellen Dürrenmatt.

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TV-Glanzstück. Fanny Dannewald (Katharina Schüttler) muss für ihre Theaterinszenierung die Rollen der Gefangenen neu verteilen. Sozialarbeiter Peter Kilian (Oliver Korittke) hilft ihr dabei nach Kräften. Foto: WDR
TV-Glanzstück. Fanny Dannewald (Katharina Schüttler) muss für ihre Theaterinszenierung die Rollen der Gefangenen neu verteilen....Foto: WDR/Martin Rottenkolber

Das kann ja wohl nicht gut gehen. Fanny Dannewald (Katharina Schüttler) mag draußen eine gefeierte Theaterregisseurin sein, aber hinter den Gefängnismauern erwartet sie eine andere Welt, keine bildungsbürgerlich geschulten Schauspieler, sondern junge Straftäter, die die zierlich wirkende junge Frau erst einmal mit eindeutigen Angeboten empfangen. Und die wohl nur durch die Anwesenheit des Gefängnispersonals von einer zünftigen Keilerei abgehalten werden. Mit ihnen will die idealistische – oder naive? – Regisseurin ein Theaterstück einstudieren und aufführen. „Der Besuch der alten Dame“, Friedrich Dürrenmatts Lehrstück über die Käuflichkeit des Menschen und das brüchige Fundament der bürgerlichen Gesellschaft.

Warum nicht einen Einzelnen opfern, wenn der Ertrag für alle anderen groß ist – wie es die Bürger von Güllen am Ende tun? Vielleicht denkt Fanny Dannewald, dass Motive wie Habgier und Rache im Knast nicht ganz unbekannt sind. Jedenfalls sagt sie, dass das von Dürrenmatt beschriebene „menschliche Dilemma heute noch aktuell ist“. Was denn der Begriff Dilemma bedeute, will Faruk (Michael Keseroglu) wissen. Nachdem sich die Regisseurin redlich um eine Erklärung bemüht hat, übersetzt Faruks Mit-Häftling Pjotr (Vladimir Burlakov): „Egal, wie du dich entscheidest: Du bist immer gefickt.“ Jetzt hat auch Faruk das Dilemma verstanden.

Mit „Schurkenstück“ beweist das Autorenpaar Eva und Volker A. Zahn einmal mehr, dass sich aus dem Aufprall unterschiedlicher Welten spannendes, relevantes und zeitgemäßes Fernsehen entwickeln lässt. In „Ihr sollt euch niemals sicher sein“ (Grimme-Preis 2009), einem Film über einen vermeintlichen Amokläufer an einer Schule, war es der Konflikt der Generationen. In „Schurkenstück“ erscheint die Lage noch aussichtsloser. Der rechtsextreme Timo (Franz Dinda) trifft auf verhasste Ausländer wie den obercoolen Faruk und den stillen Erdal (Arnel Taci). Patrick (Sebastian Urzendowsky) wirkt total verstört, Stefan (Janusz Kocaj) dagegen total harmlos. Seine 82-jährige Nachbarin hat er allerdings aus Jähzorn mit einem Spaten erschlagen. Wie soll dieser schräge Haufen Krimineller miteinander klarkommen? Und, nebenbei: Wie soll man sie dazu bringen, Texte zu lernen, sich diszipliniert vorzubereiten? Allein Pjotr will nicht nur Theater spielen, um die Langeweile im Knast zu bekämpfen. Doch seine russischen Freunde halten wenig davon, dass er organisiertes Verbrechen gegen Schauspielerei tauschen will.

Natürlich ist vorhersehbar, dass die vermeintlich kaputten Typen mehr können, als sie sich selbst zutrauen. Sie sind Persönlichkeiten mit verborgenen Stärken und Hoffnungen, ohne dass nach Entschuldigungen für ihre Taten gesucht würde. Das Wort „Opfer“ ist hier ohnehin ein Schimpfwort, das vor allem auf Patrick angewendet wird.

Der Film kommt uns nicht mit verlogener Moral. Auf der Theaterbühne werden aus Gescheiterten keine Erfolgsmenschen, die sich fortan im Leben zurechtfinden werden. Aber man kommt sich beim Proben näher, auch sprachlich, nachdem Fanny Dannewald eine moderne Fassung von Dürrenmatts Klassiker geschrieben hat. Ort des Geschehens ist nun ein Kiez namens Gülle, und die alte Dame ist eine reiche Türkin, die einst von ihrem deutschen Freund mit Baby sitzen gelassen worden war. Das Theater schlägt – eine schöne Phantasie – tatsächlich Brücken. Am Ende sind die Proben eine Gegenwelt zum düsteren und brutalen Knastalltag. Rückschläge inbegriffen.

Regisseur Thorsten C. Fischer („Romy“) inszenierte mit „Schurkenstück“ ein kraftvolles Kammerspiel. Beinahe logisch, dass die 30-jährige Katharina Schüttler, auch im wirklichen Leben ein Jungstar des Theaters, für die Rolle der Fanny Dannewald besetzt wurde. Ihre eher zerbrechlich wirkende Statur lässt die Vorstellung, eine solche Frau könne die harten Burschen zu Höchstleistungen treiben, als besonders unwahrscheinlich erscheinen. Aber nur bis zur ersten Szene im Gefängnis, denn Schüttler erreicht scheinbar mühelos die notwendige Präsenz dieser selbstbewussten Frau, die es gewohnt ist, Kommandos zu erteilen. Ihre Fanny ist intelligent und aufmerksam, aber sie macht auch Fehler, zum Beispiel als sie vor der Gruppe ausplaudert, der drogenabhängige Erdal sei auf den Strich gegangen. Konzentriert und genau agiert Schüttler, ohne das Ensemblestück zu dominieren. So glänzen in den jungen Häftlingsrollen vor allem Sebastian Urzendowsky („Guter Junge“) als Patrick, Arnel Taci („Türkisch für Anfänger“) als Erdal und Pjotr-Darsteller Vladimir Burlakov, der bereits in Dominik Grafs Serie „Im Angesicht des Verbrechens“ aufgefallen war.

Etwas für Theater-Feinschmecker ist die Tatsache, dass Lars Eidinger, wie Schüttler ein Star der Berliner Schaubühne, Fannys Lebensgefährten spielt. Die wichtigere Nebenrolle meistert allerdings Oliver Korittke. Er gibt den Sozialarbeiter Peter Kilian, der im Knast Fanny Dannewalds Ansprechpartner ist, ihr den Rücken freihält, gelegentlich den Kopf wäscht und wohl auch sonst noch gerne einiges für sie tun würde. Aber das ist nicht mehr als eine Andeutung in diesem nuancenreichen Film, der weniger ein Schurken- als ein Glanzstück des Fernsehens ist.

„Schurkenstück“, 20 Uhr 15, ARD

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