Fernsehfilm : Das Herz ist ein Erreger

Starke Frau – Heike Makatsch spielt die Medizinpionierin Dr. Hope Adams. Nach Knef und Steiff ist es die dritte historische Rolle für die Schauspielerin.

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Gegen alle Widerstände erkämpft sich die junge Hope (Heike Makatsch, r.) ihr Medizinstudium, um später Frauen wie Marianne (Lilian...Foto: ZDF

„Vielleicht war das Herz der gefährlichste Erreger und der am besten sich tarnende.“ In dem Charité-Roman „Die Gehilfin“ des Berliner Autors Martin Kluger ist es diese Erkenntnis, die der Laborantin und heimlichen Ärztin Henrietta Mahlow zum Verhängnis wird. So wie sich zu Kaisers Zeiten die fiktive Henrietta nur in Männerkleidern in Vorlesungen schleichen konnte, so brach auch die Leipziger Medizinpionierin Hope Bridges Adams nachts in die Anatomie ein, um ihren Wissensdurst zu stillen. Da Frauen bis 1893 offiziell nicht Abitur machen durften, wurden sie an deutschen Universitäten nur als Gasthörerinnen geduldet.

Frauenherzen zwischen Gefühl und Wissenschaft: Ein ergiebiges Thema, gerade dann, wenn die bundesdeutsche Girlie-Veteranin Heike Makatsch im hochgeschlossenen weißen Kittel und mit strengem Haarknoten zu Stethoskop und Skalpell greift. Nach der Ikone Hildegard Knef und der schwäbischen Unternehmerin Margarete Steiff, deren indigener Zungenschlag die „neigschmeckte“ (ortsfremde) Schauspielerin hörbar überforderte, verwandelt sich Heike Makatsch nun zum dritten Mal in eine historische Frauenfigur: in Dr. Hope Bridges Adams, geboren 1855 in der Nähe von London als Tochter einer Deutschen und eines britischen Ingenieurs. Nach dessen Tod ziehen die Halbwüchsige und ihre Mutter zu Verwandten nach Leipzig. „Ein frisches und gesundes Ding, so etwas heiratet sich schnell weg“, heißt es über Hope. Aber das willensstarke „Ding“ trifft sich lieber mit hochpolitisierten Studenten. Mit Clara Eissner (energisch: Inka Friedrich), der späteren sozialistischen Frauenrechtlerin Clara Zetkin, besucht sie medizinische Vorlesungen.

Doch es war nicht Clara Zetkin, mit der die echte Dr. Hope studierte, sondern Marie von Oertel aus Odessa. Während diese Ungenauigkeit der Mammutproduktion von ZDF und Arte mit drei Drehbuchautoren und an die neunzig Kostümen allein für Makatsch lässlich erscheint, so mussten die sächsischen Szenen aus finanziellen Gründen in München nachgestellt werden, was Leipzig-Kenner bemerken werden. Auch im Schwarzwald konnte nicht gedreht werden, weil sich die Filmförderung Baden-Württemberg kurzfristig ausklinkte.

Alte Stadtansichten in Schwarz-Weiß läuten Hopes einzelne Lebensstationen ein. Das ist zwar eine hübsche Idee, verstärkt aber den Eindruck eines insgesamt etwas biederen und langatmigen Albums.

Hätte sich Heike Makatsch den Film noch politischer gewünscht? „Im Drehbuch waren ursprünglich lange Reden von August Bebel vorgesehen, und ich hätte es spannend gefunden, wenn solche Ideen und Thesen in einem Mainstream-ZDF- Drama Raum gefunden hätten.“ Doch es musste gestrafft werden: „Am Schluss hat man doch wieder eine eher persönliche Liebesgeschichte, in der nur am Rande erwähnt wird, dass sie auch eine Ideologie vertreten hat und eine Kämpferin war für die sozialistische Idee und gegen die Armut. Von mir aus hätte das gerne mehr Platz einnehmen können.“

Hope Bridges Adams sprach sogar bei Kaiserin Augusta vor, um 1880 als erste Frau ihre Zulassung zum Staatsexamen zu erwirken. Für die Approbation und Promotion musste sie dennoch nach Großbritannien ausweichen. Es folgte eine freundschaftliche Ehe und Praxisgemeinschaft mit dem politischen Mitstreiter Otto Walther (Justus von Dohnányi).

Dann verließ sie Mann und Tochter, um eine Liebesheirat mit dem Kollegen Carl Lehmann einzugehen und sich im vorrevolutionär brodelnden München niederzulassen. Der vielbeschäftigte Martin Feifel spielt diesen glühenden Sozialisten, der seiner Gefährtin keine größere Freude machen kann, als ihr einen Gynäkologenstuhl zu schenken. 1896 erschien Dr. Hope Lehmanns Gesundheitsratgeber mit detaillierten anatomischen Illustrationen – erneut ein Skandal. 1916 starb die frühe Feministin an Tuberkulose. Sie musste sich bei einer ihrer armen Patientinnen angesteckt haben, bei denen sie – illegal – medizinisch indizierte Schwangerschaftsabbrüche vornahm. Das Herz ist eben ein gefährlicher Erreger.

„Dr. Hope – Eine Frau gibt nicht auf“, auf Arte, Teil 1 und 2, 20 Uhr 15, im ZDF am 22. 3. (Teil 1) und 23. 3. (Teil 2) jeweils um 20 Uhr 15

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