Fernsehfilm : Der Jesuit und das Mädchen

„Das dunkle Nest“: Christian Berkel spielt eine katholische Lichtgestalt im ZDF-Fernsehfilm, der die Themen Missbrauch in der Kirche und Missbrauch in der Familie verbindet.

von
Was jetzt? Im Beichtstuhl offenbart Maria Gerblich (Petra Schmidt-Schaller) dem Jesuitenpriester Dr. Reinberg (Christian Berkel) ein schreckliches Geheimnis. Foto: ZDF
Was jetzt? Im Beichtstuhl offenbart Maria Gerblich (Petra Schmidt-Schaller) dem Jesuitenpriester Dr. Reinberg (Christian Berkel)...Foto: dpa

Jüngsten Untersuchungen zufolge liegt Süddeutschland im bundesweiten Bildungsvergleich weit vor dem Norden der Republik. Das gilt in der Realität, aber nicht unbedingt für die Fiktion: In „Das dunkle Nest“ bleibt ein lateinischer Eintrag im Kirchenbuch eines oberbayerischen Dorfes zwölf Jahre lang unverstanden und daher unübersetzt. Gedreht wurde unter der Regie von Christine Hartmann zu großen Teilen in Huglfing im Landkreis Weilheim-Schongau, einer pädagogischen Spitzengegend. Die Notiz von Pfarrer Adler, der offenbar durch Brandstiftung ums Leben kam, ist der Dreh- und Angelpunkt dieses ZDF-„Fernsehfilms der Woche“. Adler notierte auf Lateinisch einen Zusatz zur Geburt von Lydia Gerblich (Chiara Feldberger), der seinerzeit niemandem auffiel. Nach dem Brand des alten Pfarrhauses wurden die Kirchenbücher in einem Keller aufbewahrt. Zwölf Jahre später entdecken sie einige Kinder beim Spielen, darunter die aufgeweckte Lydia, die des Lateinischen mächtig ist. Ein paar Tage später wird sie tot im Wald aufgefunden.

„Das dunkle Nest“ wurde auf dem Höhepunkt der Debatte um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche gedreht. Von Anfang an lastet dieser schwerwiegende Verdacht auf dem neuen Pfarrer Dr. Gabriel Reinberg (Christian Berkel).

Der Geistliche verstand sich besonders gut mit Lydia, mit der er Latein übte. Zuhause bei ihrer verhuschten Mutter Maria und dem dominanten Großvater, dem polternden Sägewerksbesitzer Pfänder (Peter Lerchbaumer in Lodengrün), schien sie sich nicht wohl zu fühlen. „Maria ist gefangen in einem unglaublichen Angstkonstrukt, basierend auf einem gut gehüteten Familiengeheimnis“, sagt Petra Schmidt-Schaller über ihre Mutterrolle. Kurz vor ihrem Verschwinden besucht Lydia den Pfarrer, den ein Insektenstich piesackt. Sie drückt ihm zweimal ihren Daumennagel auf den Handrücken: prompt vertreibt das kleine Kreuz den Juckreiz. Im Zeitalter der DNA-Analyse wird diese zärtliche Geste Reinberg zum Verhängnis.

Die Rolle des Dr. Gabriel Reinberg erfordert einen gestandenen Schauspieler wie Christian Berkel, der über die entsprechende Glaubwürdigkeit verfügt, unter anderem als Fernsehkommissar. Doch auch als eidetisch begabter Kriminalist in der gleichnamigen ZDF-Serie blickt er nur selten so ernst und wissend drein wie hier im Ornat. Im Umgang mit Frauen entfaltet er beinahe den Charme eines Richard Chamberlain aus „Die Dornenvögel“: Süß lockt die verbotene Frucht.

Christian Berkel, 1957 in Berlin geboren, war selbst Messdiener und besuchte ein Gymnasium, das von Jesuiten geleitet wurde: „Ich glaube, einzelne sexuelle Übergriffe hat es auch an meiner Schule gegeben, zumindest redeten wir Schüler untereinander davon. Jeder wusste, mit welchem Lehrer man besser nicht alleine war.“ Dennoch warnt er vor Pauschalurteilen: „Man ist schnell bereit zu sagen: Alle Kirchenvertreter. Da findet eine gewisse Stigmatisierung statt, und es wird wahnsinnig schwer, das Problem differenziert zu beschreiben. Die Kirche muss sich hierzu deutlicher verhalten, gleichzeitig kann keine Gesamtverurteilung erfolgen.“

Reinberg ist eine wahre Lichtgestalt, ein glaubens- und argumentationsfester Jesuit, außerdem früherer Gefängnispsychologe. In dieser Funktion hatte er einen Sexualstraftäter bei der Haftentlassung zu Unrecht für ungefährlich erklärt. Deshalb nimmt die Kommissarin Esther Fromm (Katharina Müller-Elmau) Kontakt zu Reinberg auf. Intuitiv glaubt sie, ganz im Gegensatz zu den Dorfbewohnern. an seine Unschuld, was den Mord an Lydia angeht.

„Das dunkle Nest“ (Buch: Andreas Dirr) geht das Wagnis ein, gleich zwei gesellschaftliche Tabuthemen anzusprechen und miteinander zu vermengen: den Missbrauch durch kirchliche Amtsträger und den Missbrauch in der Familie. Die Krimihandlung soll dieses Anliegen publikumswirksam befördern. Doch das Ergebnis bleibt trotz eines beeindruckenden Christian Berkel und ergreifender Choräle unausgegoren und neblig verschwommen – passend zur Jahreszeit.

„Das dunkle Nest“, ZDF, 20 Uhr 15

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben