Fernsehfilm : Der weite Horizont

Mit "Solange du schliefst" kommt der Fernsehfilm nach Hause – im doppelten Sinn. Leben, Tod, Liebe: Ein Drama mit Katharina Böhm.

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Verliebt: Bäuerin Teresa (Katharina Böhm) und Sören (Mark Waschke).
Verliebt: Bäuerin Teresa (Katharina Böhm) und Sören (Mark Waschke).Foto: ZDF

Es ist ein „Lady-Chatterley“-Stoff. Der Ehemann, Bauer Hans Brandt (Götz Schubert), liegt nach einem Infarkt im Koma. Bäuerin Theresa (Katharina Böhm) muss allein klarkommen – auch mit der Firma, die auf ihren Maisfeldern eine Windkraftanlage aufstellt. Ingenieur Sören (Mark Waschke) platziert seinen Wohnwagen unweit ihres Hofes. Und schaut zu ihr rüber, wenn sie, müde vom Pflügen, auf der Terrasse raucht. Der Bauer ist ein Langzeit-Koma-Patient. Seine Frau ist am Ende die Einzige, die an seine Rückkehr ins Leben glaubt und ihn fast täglich besucht. Doch auch sie selbst braucht eine Rückkehr ins Leben. Sören hilft ihr nach einer Autopanne. Er schaut sie an, sie lächelt.

Ach was Lady Chatterley. Kristin Derfler (Buch) und Nicole Weegmann (Regie) haben mit „Solange du schliefst“ eine ganz und gar eigene Filmerzählung geschaffen, einen jener raren TV-Beiträge, die, hocherhaben wie ein Windrad über die übliche Effekte-Küche, etwas von Menschen und ihren Schicksalen wissen wollen und dafür alles tun – wie zum Beispiel aufs platte Land und zu den Windrädern gehen. Theresa zeigt Sören, bevor die Räder stehen, ihren schönen weiten Horizont und klagt, den werde er jetzt zerstören. Sören steigt mit Theresa, als die Räder stehen, ins Innere eines solchen Riesen, klettert mit ihr hinauf und zeigt ihr noch mehr Weite. Der Blick ist so grandios, dass kein Paar sich hier gegen den Impuls zu einem Kuss wehren könnte, und so flüchtet Theresa, die ihrem Hans treu bleiben möchte, panisch zurück auf den festen Boden.

Mit „Solange du schliefst“ (kein guter Titel, dies nebenbei) kommt der Fernsehfilm nach Hause – im doppelten Sinn. Zum einen, dass er sich mit der ihm gebührenden Reichweite an Handlung und Personal und einem moderaten Mitteleinsatz begnügt, zum anderen, dass er eine bäuerliche Wirtschaft zum Schauplatz hat und hier Heimattreue beweist. Viel Krume ist zu sehen, Ackerfurche, Feldfrucht, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge. Nie ist diese Szenerie tümlich oder sentimental, stattdessen kraft- und stimmungsvoll.

Das gilt auch für die Menschen. Sie sind – mit Ausnahme vielleicht von Sören – noch nicht wirklich von Globalisierung und Flexibilisierung erfasst, stattdessen bodenständig und klar in ihren Zielen. Umso tiefer leiden sie unter den Zumutungen des Schicksals. Womöglich ist es ein Traum vieler Fernsehschaffender, einmal eine einfache Geschichte zu erzählen, in der es zugleich um die ganz großen Themen geht: Leben, Tod, Liebe. Man muss nur den Mut dazu haben. Die Macherinnen von „Solange du schliefst“ hatten ihn. Und die Ruhe und die Konzentration, die dazugehören. Katharina Böhm als Zentralfigur Theresa gibt dem Film die Seele, Mark Waschke als Sören das erotische Feuer und Götz Schubert als Hans das Memento mori. Sie sind alle auf der Höhe ihrer Darstellungskunst und offensichtlich froh darüber, zeigen zu dürfen, wie viele manchmal widersprüchliche Emotionen in einen einzigen Blick passen.

„Solange du schliefst“, ZDF, 20 Uhr 15

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