Fernsehfilm : Maria und kein Josef

Eine pessimistische Komödie feiert Frauen über 50 und die ostdeutsche Provinz. In "Herzdamen" spricht niemand sächsisch, aber um Realismus geht es auch nicht.

Kerstin Decker
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Frauenpower im Elbtalschloss -Foto: MDR

Dies ist ein Fernsehfilm von tiefem anthropologischen Pessimismus. Das ist umso erstaunlicher, als ein Fernsehfilm dadurch definiert wird, dass er keinem wehtut. Nicht wirklich weh. Liebe Zielgruppe, du musst keine Angst haben, das Wort „anthropologischer Pessimismus“ kommt in einem Fernsehfilm, der „Herzdamen“ heißt, selbstverständlich nicht vor. Aber wann haben wir jemals solche Porträts des zeitgenössischen Mannes im Fernsehen gesehen? Der erste gehört zu Thekla Carola Wied, die hier Maria Lieblich heißt und ein Wiener Sterne-Restaurant führt, das sie mit ihrem Mann Josef aufgebaut hat. Marias Josef muss zu einer Weinauktion nach Neuseeland. Seine Frau, die ihm gewiss den Koffer gepackt hat, flüstert ihm ins offene Autofenster hinein, dass dies ihr Hochzeitstag ist. Jeder andere wäre kurz unangenehm berührt, Josef (Miguel Herz-Kestranek) nicht. Dazu ist er zu routiniert. Dass er nicht nach Neuseeland will, sondern zu seiner neuen Freundin, ist klar. In jedem gewöhnlichen Fernsehfilm dürfte er nun bereuen, in diesem wüsste er nicht einmal, was. Josef besitzt ein durch nichts gebrochenes, zynisches Verhältnis zur Frau. Ist der Mann das zynische Tier?

Maria vom Sterne-Restaurant hat noch eine Freundin (Katerina Jacob), die liegt ohnmächtig auf ihrer Wohnzimmercouch, als ihr verheirateter Freund kommt, der Bewusstlosen den Puls fühlt, sein Handy nimmt und die Nummer – nein, nicht eines Arztes, sondern die seiner neuen Freundin wählt und ankündigt: „Bin gleich wieder da!“ Was ist das? Ein männerfeindliches Drehbuch auf Abwegen? Autorin Cornelia Willinger hat einen einzigen großen Misstrauensantrag gegen das Maskulinum formuliert. Maria besitzt noch eine Freundin (Mona Seefried), die ist Familienrichterin. Die hat erst gar keinen Mann, weil sie schon berufshalber täglich sieht, wie das endet, wenn man einen hat.

Alle drei Frauen weisen eine anthropologische Besonderheit auf: Sie sind entweder fünfzig oder älter. Sie sind demnach – vom Mann aus betrachtet – als Frau nicht mehr ohne Weiteres erkennbar. Nun handelt es sich bei „Herzdamen“ keineswegs um eine darwinistische Studie, sondern um einen Film für Damen mit Herz. Männer verfügen gewiss über ein inneres Radarsystem, das sie vor Filmen wie diesem warnt. Und auch Friseurinnen oder Kassiererinnen um die fünfzig fühlen sich vielleicht nicht unbedingt gemeint, denn „Herzdamen“ ist zugleich ein Porträt der überaus gehobenen Wohnkultur und der höheren Berufsabschlüsse.

Es ist leichter, fünfzig zu werden, wenn man ein Schloss im Elbtal erbt. Denn jede Frau, die ihren Mann verlassen will, muss darüber nachdenken, was ihr gehört. Und da kommt die Wienerin Maria auf ihr Elbtalschloss. Zwar wurde der Grundsatz „Rückgabe vor Entschädigung“ bereits als ein Hauptfehler der deutschen Wiedervereinigung erkannt – Ostler mussten nach 1990 nicht nur aus ihrem bisherigen Leben ausziehen, sondern oft auch aus ihren Häusern –, dennoch handelt es sich hier nicht um eine sachsenfeindliche Filmhandlung. Schließlich hat der Mitteldeutsche Rundfunk „Herzdamen“ produziert. Es ist auch etwas ganz anderes, ein Haus zu erben als ein Schloss. Schlösser können selbst wirklich reiche Leute ruinieren. Die drei Herzdamen fahren also nach Sachsen, dort wo es am schönsten ist, ins Elbtal hinter Dresden. Und da ein Fernsehfilm ein Film ist, der niemandem wirklich wehtun will, spricht hier auch niemand sächsisch.

Das Zusammentreffen eines kleinen sächsischen Ortes mit drei Wiener Damen der gehobenen Mittelschicht, die hier ein Soundsoviel-Sterne-Restaurant eröffnen wollen, muss man sich wohl irritierender vorstellen. Und möglicherweise ließe ein wirklich realistischer Film seine Heldinnen mit der Einsicht, nicht in die sächsische Provinz zu passen, nach Wien zurückkehren. Aber hier geht es nicht um Realismus, sondern um Damen mit Herz. Das ist legitim. Zu erbringen ist der Nachweis, dass es ein Leben vor dem Tode gibt, selbst wenn man eine Frau und fünfzig ist. Thekla Carola Wied, Katerina Jacob und Mona Seefried sind dieser Beweisführung in der Regie von Karola Hattrop durchaus gewachsen. Irgendwann geschieht das Beste, was Filmen wie diesem passieren kann: Er beginnt, sich selbst zu tragen, sich selbst zu beseelen. Letztlich ist „Herzdamen“ sogar ein Plädoyer für die naturbelassenere sächsische Provinz. Für Menschen, die noch nicht ganz aus Kalkülen gemacht sind wie Marias Mann Josef.

„Herzdamen“, ARD, 20 Uhr 15

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