Fernsehfilm : Sex, Trotz und RAF

03.12.2008 00:00 UhrVon Barbara Sichtermann
Berben Foto: ZDF
Große Liebe, großer Akt. Sobald sich Paul Holland (Peter Simonischek) und Sibylle Loredo (Iris Berben) wiederhaben, schreien die Leiber nach Vereinigung. - Foto: ZDF

"Gott schützt die Liebenden": Eine Simmel-Verfilmung der peinigenden Art. Die RAF kann einem geradezu leidtun, dass sie und ihr zwiespältiger Mythos auf derart schamlose Weise zur Konstruktion von Effekten ausgenutzt wird.

Johannes Mario Simmel soll sich darüber geärgert haben, dass er als Schriftsteller nicht so richtig für voll genommen und ins Trivialfach abgeschoben wurde. Eine bessere Würdigung zu verlangen, ist sein Recht. Es ist aber auch das Recht der Kritiker, den Kopf zu schütteln und den Daumen nach unten zu halten. Ähnlich wie Simmel mag es dem Team Carlo Rola (Regie), Oliver Berben (Produktion) und Iris Berben (Hauptdarstellerin) mit ihrer Verfilmung des Simmel-Romans „Gott schützt die Liebenden“ ergehen. Sie glauben bestimmt, ihr Bestes gegeben zu haben, und wünschen sich nun außer einer ordentlichen Quote den Segen der Fernsehkritik. Den aber muss die Kritik, sofern sie nur annähernd alle Tassen im Schrank hat, verweigern.

Was heißt „trivial“? Die Grenze zur „ernsten“ Literatur oder Filmkunst ist nicht immer leicht zu ziehen, aber im Falle von „Gott schützt die Liebenden“ kann man ein paar Aspekte nennen. Die triviale Form geht vom Effekt aus und vernachlässigt die Entwicklung, die im Leben wie in der Kunst dorthin geführt hätte. So erzählt sie – im Film: „Gott schützt ...“ – eine Liebesgeschichte, indem sie mit einem temperamentvollen Geschlechtsakt beginnt und die männliche Hauptperson, den Ich-Erzähler Paul Holland (Peter Simonischek) bekennen lässt, dass diese herrliche Bettgefährtin namens Sibylle Loredo (Iris Berben) seine große Liebe sei.

Okay, man kann so beginnen, sollte aber dann, im Wege der Rückblende, die Entwicklung, die zu jener Bettszene und dem Bekenntnis „große Liebe“ geführt hat, nachholen, um die Empathie der Zuschauer zu wecken. Wenn das entfällt, wenn gleich der nächste Effekt kommt: Paul will seine Sibylle aufsuchen und wird von der Polizei empfangen, alles voller Blut, Sibylle wahrscheinlich tot – dann ist der Zuschauer genötigt, das mit der großen Liebe einfach so zu kaufen, denn er hat den Weg dorthin nicht mitgehen dürfen, und das verstimmt ihn. Gleich folgt der nächste Effekt: Sibylle ist doch nicht tot, sie lässt Paul eine Nachricht zukommen, will ihn sehen, ist irgendwie auf der Flucht und heißt gar nicht Sibylle. Der gute Paul kennt die Frau überhaupt nicht, weiß praktisch nichts von ihr, wie er selbst gesteht – und doch „große Liebe“? Da er von Beruf Reporter ist, weiß er aber, wie er an Informationen rankommt. Erschüttert steht er vor der Tatsache, dass die Frau seines Lebens RAF-Sympathisantin war, Morde auf dem Gewissen hat, eigentlich Victoria heißt und einem Terroristen verfallen ist oder war: einer Art Baader-Verschnitt mit Namen Pascal Höhnefeld (Ole Puppe). Zwischenzeitlich tritt eine geheimnisvolle junge Dame, sie heißt Petra Wend (Nina Proll), auf den Plan, die irgendwas von Victoria will und sich deshalb an Paul ranmacht. Man sieht auch diese beiden – Paul und Petra – beim Geschlechtsakt, ohne nachvollziehen zu können, wie es dazu kam.

Die RAF kann einem geradezu leidtun, dass sie und ihr zwiespältiger Mythos auf derart schamlose Weise zur Konstruktion von Effekten (Buch: Günther Schütter) ausgenutzt wird. Iris Berben spielt die Militante mit vorgeschobener Unterlippe wie ein Teeny in der Trotzphase. Simonischek humpelt durch den Film – ja, er hat ein „abbes Bein“ von einem seiner Kriegsreporter-Einsätze her und trägt Prothese – wie ein Alien bei der Erstbesichtigung einer Menschensiedlung. Seine Fertig-mit-der-Welt-Apercus klingen so: „Gott schützt die Liebenden. An Sibylle und mich hat er nicht geglaubt.“ Da ist Gott nicht der Einzige.

Liebe Macher: Ein gut gefilmter Geschlechtsakt ist eine tolle Sache. Dabei spielt vordergründige Werbefilm-Ästhetik wirklich keine Rolle, will sagen: Auch alte Leute dürfen sich vor der Kamera paaren. Unter einer Voraussetzung: dass man die Geschichte dieses Aktes erzählt bekommt, dass man die Leidenschaft nachempfinden kann. Für den bloßen Effekt bestehen wir Zuschauer auf jungen, schönen Pornodarstellern.

„Gott schützt die Liebenden“, ZDF, um 20 Uhr 15

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