Fernsehformate : Du ahnst es nicht

Die Familienforschung erobert das Fernsehen – gleich mit zwei Formaten. Im ZDF machen sich Promis auf die Suche nach ihren Wurzeln, beim MDR sind es Normalmenschen.

Verena Friederike Hasel
Millowitsch
Im Visier. Mariele Millowitsch mit Zeugnissen ihrer Familiengeschichte. -Foto: ZDF

Stammbaum – Klingt zunächst recht adlig, dieses Wort. Dabei ist Familienforschung inzwischen ein sehr volkstümliches Unterfangen, auch dank der Möglichkeiten, die das Internet bietet. Das Fernsehen greift diesen Trend nun verstärkt auf: In der Dokumentation „Auf der Spur meiner Ahnen“ schickt das ZDF Prominente als Detektive in eigener Sache los, heute Abend zunächst Mariele Millowitsch, bekannt aus der Serie „Nikola“. In der kommenden Woche ist dann im MDR Auftakt der Reihe „Die Spur der Ahnen“ – ähnlicher Titel, ähnliches Konzept, nur dass sich hier Normalmenschen auf die Suche machen.

Mariele Millowitsch hat es da natürlich leichter. Wer wie die Tochter des Volksschauspielers Willy Millowitsch aus einer bekannten Theaterdynastie stammt, weiß schon von Hause aus mehr über seine Ahnen als eine Erna Schmidt. Doch trotz Familiengrab, trotz eifriger Biografen gibt es Leerstellen, und die füllt Mariele Millowitsch in der 45-minütigen Doku. Zum Teil geht es dabei um originär deutsche Tabus, zum Beispiel die Haltung der Anverwandten gegenüber den Nazis. In einem der bewegendsten Momente schauen die Millowitsch-Schwestern ein Video: Ihr Vater Willy, wie er beim Fronttheater die Soldaten bespaßt. Ein Urteil wolle sie sich nicht erlauben, sagt die eine Schwester, und Mariele Millowitsch schweigt ganz. Dass das Lachen der Nazis in jener Szene bei der Schauspielerin doch nachhallt, zeigt sich später, als sie ihrem verstorbenen Uronkel nachforscht. Er war nicht regimetreu, verlor unter den Nazis sogar seine Arbeit, da lockert sich die Miene von Mariele Millowitsch und sie sagt: „Wenigstens einer.“

Aufseiten der väterlichen Linie entdeckt Millowitsch vor allem psychisches Erbe, hier zielt die Kamera aufs Familieninnere ab: Als Mariele Millowitsch ihren Bruder besucht, spricht der vom „willyzentrischen Weltbild“ des Vaters, und offenbar ließ das wenig Wahlfreiheit für den Sohn: Er leitet heute das Millowitsch-Theater in Köln, schon in der dritten Generation. Dass es bei Vater Willy nicht so anders war, erfährt Mariele Millowitsch von ihrer älteren Schwester: Eigentlich wollte er Ingenieur werden, frickelte auch später ständig an allen möglichen Apparaturen im Keller herum, doch seine Herkunft ließ eine solche Arbeit als Broterwerb nicht zu: Ein Millowitsch gehört auf die Bühne.

Und so bahnt sich die Doku ihren Weg durch eine Familie, die seit sechs Generationen die Öffentlichkeit sucht, vom Puppenspieler in Köln im neunzehnten Jahrhundert bis zur TV-Seriendarstellerin im neuen Jahrtausend. Das Schwanken zwischen Stolz aufs Künstlertum einerseits und dem Zwang, diesen Weg zu gehen, balanciert der Film gelungen aus. Störend ist nur das Pathos der sonoren Erzählerstimme mit ihren rhetorischen Fragen und die mitunter überdramatische Musik.

Während die Millowitsch-Suche vorwiegend rund um den Rhein stattfindet, wird Schauspieler-Kollege Walter Sittler, der nächsten Mittwoch seinen Stammbaum nachzeichnet, in England und den USA Spuren seiner Familie finden. Für all diese Recherchen hat der TV-Sender einen Stab von Historikern und Archivaren beschäftigt.

Auf so einen Mitarbeiterkreis kann der Normalbürger nicht zurückgreifen. Und doch, in Zeiten von sozialer Aufsplitterung ist das Interesse an der eigenen Familiengeschichte groß. Vielleicht hofft man dem allgegenwärtigen Gefühl von Entwurzelung zumindest einen festen Ahnenstamm entgegenzusetzen. Mithilfe des MDR oder auch des Radios. Nicht umsonst ist Hermann Udolphs tägliche Sendung auf Radio Eins so beliebt. Dort geht der Namensforscher der Genese von Familiennamen nach; 2500 Anfragen warten in seinem Leipziger Institut auf Bearbeitung. Wer nicht so lange Zeit hat und auf Internetrecherche allein setzen will, der sollte zunächst einige Gänge tun. Die Aufzeichnungen in Standesämtern reichen bis ins Jahr 1870 zurück, Kirchenregister mitunter sogar bis 1560. Und wenn das alles nichts hilft, gibt es in den Stadtarchiven alte Adressbücher. Dort fand auch Mariele Millowitsch einen Hinweis auf Puppenspieler Franz Andreas, der die Familientradition vor mehr als zwei Jahrhunderten begründete.

„Auf der Spur meiner Ahnen“, ZDF, 22 Uhr 45

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