Fernsehformate : "Weg aus der Randzone"

Sabine Rollbergs kämpft für den Dokumentarfilm. Im Interview erzählt sie, warum Doku-Sopas ihr Zenith überschritten haben, warum Menschen sich heute mehr als früher nach Entspannung sehnen und weshalb sie jetzt für ihr "dickes Fell" ausgezeichnet wurde.

Joachim Huber

Frau Rollberg, sind Sie Widerständlerin oder Redakteurin?



Ich bin Arte-Beauftragte des WDR und Arte-Redaktionsleiterin, ... wieso?

Na ja, die AG DOK hat Sie mit dem Preis „Dickes Fell“ ausgezeichnet, für „Ihr hervorragendes Bemühen um den Erhalt und die Pflege des Dokumentarfilms als Bestandteil öffentlich-rechtlicher Fernsehprogramme“. Steht es wirklich so schlimm um das Genre?

Der Preis ist als Ermutigung zu verstehen, sich weiterhin für den Dokumentarfilm einzusetzen. Vielleicht auch ein Dankeschön für das Vertrauen, manche sehr junge Filmemacher auf ihrem Weg zum Erfolg bei Festivals mit ihren ersten Filmen begleitet zu haben. Alle, die den Dokumentarfilm für sich entdeckt haben, was ich auch bei vielen jungen Menschen beobachte, würden ihn gerne aus den Randzonen der Programmschemata herausholen, denn Dokumentarfilme erzählen wahre, wichtige und wissenswerte Geschichten über unsere Welt, so schön die Filme sind, einen Nachtschlaf will man aber auch nicht immer dafür opfern.

Worum gehen die Auseinandersetzungen in den Sendern: ums Geld, um die Sendeplätze, um die Themen, um die Quote?

Um alle vier Punkte. Die einzelnen Themen haben sicherlich in den verschiedenen Hierarchiestufen der Sender unterschiedliche Gewichtungen.

Ist das auch Ihre Erfahrung, was Claas Danielsen, der Leiter des Leipziger Dokumentarfestivals, gesagt hat: Programmverantwortliche würden den Zuschauer oft für eingeschränkt aufnahmefähig und etwas zurückgeblieben halten.

Die Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren kolossal verdichtet. Die Menschen haben noch mehr als früher den Wunsch, sich zu entspannen. Dieses Bedürfnis haben die Massenmedien immer stärker bedient. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben allerdings den Auftrag, an der Willensbildung und an der Demokratiefähigkeit mitzuwirken.

In den Sendern und beim Publikum haben es vielleicht Dokumentation und Dokumentarfilm schwer, nicht aber die Hybrid-Formen wie Dokusoap oder Reality-Soap. Was kann nur die Dokumentation, was nur der Dokumentarfilm leisten?

Ich denke, die Zeit der hybriden Formen, der Dokusoaps, Dokufakes etc. hat ihren Zenit bereits überschritten. Der Dokumentarfilm ist ein Dialog, eine filmische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. In der Realität finden sich die besten Geschichten. In einer Zeit, wo wir alles durch das Internet wissen könnten, ist es wesentlich, dass uns ein Autor hilft, dieses Wissen auch zu verstehen und emotional zu verarbeiten.

Warum bringen öffentlich-rechtliche Redaktionen nicht so hinreißende, quotenträchtige Sendungen wie „Rach, der Restauranttester“ zustande? Die RTL-Sendung ist doch im Kern dokumentarisch.

Sie finden doch andere hinreißende dokumentarische Sendungen zum Beispiel auf Arte, wie „24 Stunden Berlin“ oder „Karambolage“ oder heute Abend „Mitten im wilden Deutschland“.

Wie lange wird es die WDR-Arte-Redaktion noch geben?

Darum mache ich mir große Sorgen.

Sabine Rollberg ist Arte-Beauftragte des WDR und Arte-Redaktionsleiterin. Sie kümmert sich dort um den Dokumentarfilm. Mit ihr sprach Joachim Huber.


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