Fernsehfußball : Verwirrung durch Technik

Fernsehfußball auf allen Kanälen: Werden Sie nicht auch langsam kirre?

Bernd Gäbler

Gefühlt gilt: Soviel Fernsehfußball war nie. Wie Kaugummi zieht sich die „Uefa Euro 2008“ über lang gedehnte Programmflächen. Am wichtigsten aber ist der Fußball als Live-Erlebnis. Da fiebern die Zuschauer so mit, dass schon vor der Infarktgefahr gewarnt wurde. Intensiv soll das Erlebnis sein. 30 Kameras sorgen inzwischen für „TV total“. Vor allem sorgt die Technik dafür, dass wir neuerdings zwei Spiele sehen: das erste live, direkt und zeitgleich. In ihm regiert der Augenblick, der Moment, mit dem jähen Tor als Höhepunkt.

Das zweite Spiel ist dasselbe, aber es findet zeitversetzt statt. Tor verpasst? Nicht so schlimm! Es kommt ja noch häufiger, aus jeder Perspektive, zeitversetzt und mindestens in Zeitlupe, vermutlich gar in „Super-SloMo“. Jürgen Klopp im ZDF und zunehmend besser auch Mehmet Scholl in der ARD erklären später alles: die Entwicklung, die Fehler. Nicht allein der Torwart ist schuldig zu sprechen, ebenso verantwortlich sind die fünf Abwehrspieler, die den Torjäger nicht attackierten. Das leuchtet ein. Spiel zwei, eigentlich identisch mit Spiel eins, dient als Material zur Analyse, als Vorlage, uns Sicherheit im Urteil zu verschaffen.

So weit, so gut. Hätte dieses zweite Spiel nicht Auswirkungen auf die Inszenierung des ersten. Dafür gilt: Wir Zuschauer sollen stets ganz nah dran sein, dicht an den Zweikämpfen und dem Freistoßschützen möglichst auf die Schuhspitzen schauen. Endgültig emanzipiert sich der Sofablick vom Stadionblick. Welcher Regisseur wagt noch Totalen, zeigt die Anspielstationen, ist beseelt vom Willen, dem Zuschauer Übersicht zu verschaffen? Von „Räumen“ und „Laufwegen“ sprechen die Reporter, in den Blick bekommen wir sie kaum noch. Angesichts überbordender technischer Möglichkeiten lebt die Live-Regie davon, das Einzelne aus seinen Kontexten zu isolieren. Das soll spannend sein, ist oft aber nur verwirrend. 

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