Fernsehkabarett : Die Zipfel-Stürmer

Es ist nicht so einfach, im Fernsehen bissig zu sein – wie der „Satire Gipfel“ im Ersten zeigt. Ein Gutes hat der Streit zwischen Dieter Hildebrandt und Mathias Richling offenbar gehabt - die Quote für die Premiere war durchaus passabel.

Bernd Gäbler
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Mathias Richling hat mit der Premierensendung 2,1 Millionen Zuschauer erreicht.Foto: ARD

„Wir machen keine Comedy.“ Dieses Versprechen hat Mathias Richling gehalten. Aber ein „Satiregipfel“ war die gleichnamige Sendung in der ARD noch nicht. Dazu fehlen einige Höhenmeter an Niveau. Die Bühne war nicht – wie angekündigt – zum Newsroom umgestaltet worden. So fehlte zwischen den einzelnen kabarettistischen Nummern die gestalterische Bindung, eine zentrale Idee. Richling alleine füllt zu wenig Raum, um eine Sendung zu tragen. Erwartungsgemäß war seine Parodie – diesmal des neuen Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg – der Höhepunkt der Sendung. Überraschend wirkte sie nicht immer brandaktuell. Vieles kreiste um Terror, Taliban und bin Laden. Der Finanzkrise versuchten Richling und seine Gäste weitgehend über Assoziationen zur „Abwrackprämie“ zu Leibe zu rücken. Querverbindungen zu Roger Kuschs Sterbehilfe liefen ins Leere, weil da die Haltung unklar blieb. Nicht zuletzt durch den pointierten Frank Lüdecke wurde der „Satiregipfel“ dennoch eine recht muntere Sendung – nur eben nichts Besonderes.

Es schien, als hätte es der ganzen Aufregung zuvor nicht bedurft. „Scheibenwischer“ durfte das Format von RBB und BR ja nicht mehr heißen, weil der schnaubende Altmeister Dieter Hildebrandt seinen Nachfolger enterbte, nachdem der Beweglichkeit in Richtung der Comedy signalisiert hatte. Richling rächte sich prompt mit Vatermord. Lernen konnte man daraus lediglich, dass es gar nicht lustig ist, wenn altgediente Humorsoldaten aufeinander losgehen. Vielleicht zeigt die Kontroverse, die sich am Thema Kabarett und Comedy nur entzündete, aber auch eine tiefere Unsicherheit.

Natürlich ist keiner Fundamentalist, wenn er lediglich darauf beharrt, Mario Barth und Volker Pispers, Hagen Rether und Guido Cantz nicht in eine Kategorie zu stecken. Im Idealfall ist der Kabarettist ein an der sozialen Wirklichkeit leidender Aufklärer. Er ist widerständig, prangert an, provoziert jähe Einsichten. Der Comedian jagt die Pointen, beobachtet im Idealfall präzise unseren Alltag, ertappt uns bei Widersprüchen. Er ist einverständig mit seiner Welt des „Quatsch- Comedy-Clubs“.

Von Letzterem ist das Fernsehen voll. Ein weiteres Me-too-Produkt wäre da für die ARD wenig sinnvoll. Die Lösung liegt aber auch nicht in einem Programm, das ebenso gut in besseren Kultur- oder Bürgerzentren zu besichtigen ist. Das Fernsehen verlangt mehr Formbewusstsein.

Auch das hat mit dem generell unsichereren Gelände für politisches Kabarett zu tun. Nicht dass wir weniger lachen würden, nicht dass wir weniger Anlass dazu hätten – aber die Bedingungen haben sich fundamental verändert. Bissige Kritik braucht starke Autoritäten. Darum konnte in den 70er Jahren „Panorama“ noch die Nation erschüttern und Dieter Hildebrandt nachlegen. Inzwischen sind Politik und Fernsehen weitgehend entautorisiert. Kabarettisten rennen ständig gegen Türen an, die längst offen stehen.

Darum ist es so schwer, in den unendlichen Weiten der Hügellandschaft eines beliebigen Pluralismus noch satirische Gipfel zu errichten. Dem ZDF ist dies mit „Neues aus der Anstalt“ gelungen. Trotz Offenheit für allerlei Gastauftritte gestalten Urban Priol und der stets deftige Georg Schramm die Sendung als geschlossene Einheit. So gibt es sie nur im Fernsehen. Seinen Biss gewinnt das Format nicht zuletzt aus der bösen („Anstalts“-)Selbstreferenzialität. Zu der ermuntert auch der hinter den Kulissen wirkende ZDF-Redakteur Stephan Denzer. Er hat Humor und eigene Bühnenerfahrung. Bei der politischen Satire im Fernsehen ist momentan das Zweite Erster.

Es gibt einen Maßstab für den Wirkungsgrad der Satire. Werden Pointen weitererzählt? Hört man ein „Hast du gestern Schramm gesehen?“ mit Bewunderung in der Stimme?

Mathias Richling jedenfalls war gegenüber dem Werk der Vorgänger treuer als gedacht. Vielleicht gab es sogar deswegen noch nicht so viel zu erzählen nach dieser Premiere am Donnerstagabend im Ersten.

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