Fernsehkonsum : Jörg Pilawa sollte besseres Fernsehen machen

Das Argument, Jugendliche gucken nur noch "Internet" und kein Fernsehen mehr und dafür können die Sender nichts, ist feige und dumm. Sie müssen ihr Programm einfach verbessern.

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Moderator Jörg Pilawa in Hamburg dpa
Moderator Jörg Pilawa in HamburgFoto: dpa

Ich habe meinen Fernsehkonsum derart professionalisiert, dass ich manche Menschen darin nicht mehr wahrnehme. Das ist natürlich vor allem Selbstschutz: als Kritiker kann man sich manchmal nicht aussuchen, was man schauen muss – umso wichtiger scheint es mir dann, dass man sich in seiner Fernsehfreizeit nicht über Gebühr ärgert.

Tatsächlich habe ich es zum Beispiel geschafft, Jörg Pilawa seit drei Jahren nicht mehr im Fernsehen zu sehen, obwohl er sehr oft im Fernsehen ist. Dafür habe ich in einer Zeitung einen Text über Jörg Pilawa gelesen, der Anlass war sein 50. Geburtstag am vergangenen Montag. Pilawa sagt: „Es wird einem plötzlich die eigene Endlichkeit bewusst.“

Ja, nu. Er wolle deshalb „tatsächlich“ kürzertreten, was in seinem Fall wohl auch mit einer Erkenntnis zu tun hat, die plötzlich über ihn kam. Pilawa meint, dass die Hoch-Zeiten (was immer das genau sein soll) des Fernsehens vorbei seien, die Jugendlichen (wer immer das genau sein soll) würden hauptsächlich im Internet gucken. Pilawa kombiniert: „Man kann heute froh sein, wenn man mit einer Samstagabendshow noch vier Millionen Zuschauer erreicht.“

Mal abgesehen davon, dass eine Sonntagabendshow wie der „Tatort“ mitunter 12 Millionen Zuschauer erreicht, und es möglicherweise auch an der Qualität der aktuellen Samstagabendshows liegt, dass das nicht mehr als vier Millionen Menschen sehen wollen: dass „Jugendliche nur noch im Internet gucken“ ist so ziemlich die dümmste Ausrede, die man seit einiger Zeit von Fernsehmachern hört. Sie ist nicht nur dumm, sie ist auch feige – und es gibt nicht eine Studie, die diese Annahme schlüssig belegt. Sie ist feige, weil man damit die Verantwortung für das eigene Tun runterspielt („ach, wir können eh nix machen, die wollen halt alle kein Fernsehen mehr schauen“).

Journalisten, die Zeitungen und Magazine machen, sollten auch nicht durch die Gegend rennen und darüber klagen, dass „die Jugendlichen“ nur noch „im Internet“ lesen würden – sie sollten einfach bessere Zeitungen und Magazine machen.

Irrerweise stehen im „Spiegel“, seit es kein Medien-Ressort mehr gibt, gute Mediengeschichten. In der aktuellen Ausgabe zum Beispiel: Ein Text über Youtube (was ja angeblich so viele Jugendliche anstatt Fernsehen gucken). Der in aller Schärfe genau und klug analysiert, warum das, was da einige auf Youtube anstellen, nun wirklich nicht die Zukunft des Fernsehens sein kann. Die so genannten deutschen Youtube-Stars (mit einigen von ihnen sind zurzeit Buswartehäuschen plakatiert) machen Telefonstreiche und Filmchen mit versteckter Kamera – große Unterhaltung also. Im Jahr 1984.

Nee – das ist nicht Fernsehen, Fernsehen ist das schwarze Ding gegenüber dem Sofa. Sogar Pilawa müsste das kennen: Über 95 Prozent aller deutschen Haushalte haben mindestens einen Fernseher – und seit Einführung des Fernsehens hat sich hierzulande der Konsum stetig erhöht. Aber es kann natürlich sein, dass Jörg Pilawa das nicht mitbekommt – er sitzt ja nie vor dem Fernseher, weil er ständig drin ist.

Zu seinem 50. Geburtstag hat sich Pilawa selber noch ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Er wettet, dass im kommenden Jahr „Wetten, dass...?“ zurückkehren wird, mit Thomas Gottschalk als Moderator. Das ist natürlich völliger Unsinn, eine irrer Gedanke. Von einem Fernsehmoderator mit dem Namen Stefan Raab, scheint Pilawa noch nie etwas gehört zu haben.

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