Fernsehkritik : Auch Opa Schönbohm hat eine Meinung - bei Anne Will

Verfehlte Emanzipation und grässliche Killerspiele: Helmut Schümann über die nächste Talk-Show zum Amoklauf. Diesmal lud Anne Will zur Ursachenforschung.

Helmut Schümann

Und noch eine Sendung, noch eine Talk-Runde zum Thema. Oder besser: Nicht zum Thema, weil auch bei Anne Will am Sonntagabend in der ARD alle Meinungen, Haltungen, Spekulationen und Theorien zum Amoklauf von Winnenden ausgesprochen wurden, auch die abstrusen und unbewiesenen, aber zu einem Kern nie vorgedrungen wurde. Wie auch? Man kann es Anne Will und ihren Gästen nicht vorhalten, dass sie bei ihren Erklärungen für das Unfassbare stecken blieben, das ist das Wesen des Unfassbaren. Man durfte aber auch bei dieser Gesprächsrunde den Eindruck haben, dass zum Fassbaren des Falles alles gesagt ist, nur noch nicht von jedem.

Jetzt von sechs weiteren Menschen, die räumlich nahe am Geschehen waren wie die Elternbeirätin Kathrin Kopriva und der Rektor Hans-Dieter Baumgärtner des benachbarten Gymnasiums, theoretisch damit befasst sind wie die Kriminologin Britta Bannenberg und der Kinder- und Jugendpsychologe Michael Winterhoff, und weit entfernt stehen, so weit, wie Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm und der Journalist Hajo Schumacher, dessen Kompetenz zum Fall sich darin erschöpft, dass er Vater eines pubertierenden Sohnes ist. Ach ja, Schönbohm ist Großvater, und einer seiner Enkel spielt am Computer auch diese grässlichen Killerspiele, da hat man als Opa halt eine Meinung und auch etwas beizutragen zum Wesen des Amokläufers und dessen Motiven.

Offensiver Umgang womöglich hilfreicher

Auch der Autor dieser Zeilen ist Vater, und als vor sechs Jahren ein anderer Jugendlicher in Erfurt ein Massaker in seiner Schule verübte – und auch der war Computerspieler – da führte der Vater mit seinem Computer spielenden Sohn und dessen Computer spielenden Freunden ein langes Gespräch. Heraus kam dabei, dass diese Killerspiele widerwärtig sind, abstoßend, Ekel erregend, Menschen verachtend – aber auch, dass sie alleine nicht dazu in der Lage sind, aus ganz normalen, gesunden, nur pubertierenden Jugendlichen Killermaschinen zu machen. Eine Banalität, diese Erkenntnis, den Fall des Tim K. erhellt sie nicht.

In diesen Tagen von Erfurt gab es an der Schule des Sohnes einen Lehrer, ein wertkonservativer Mensch, der Griechisch und Latein und Religion unterrichtet, der lud seine Schüler zur Lan-Party und ballerte mit ihnen eine ganze Nacht lang auf dem Computer herum. Möglicherweise ist dieser offensive Umgang mit diesem Phänomen ein weit hilfreicherer Weg als die reflexartige Verbotsforderung. Möglicherweise ist die Einführung eines neuen Schulfaches, nennen wir es Medienkunde, notwendig, in dem die Kinder und Jugendlichen lernen, dass diese Welten, in denen sie sich als Counterstriker oder in Chat-Räumen bewegen, tatsächlich nur Traumwelten sind und ihnen keine Lösungen bieten. Aber Medienkunde allein hätte Winnenden auch nicht verhindert.

Und hätte auch nicht verhindert, dass in der Folge sich mediale Hysterie breit machte. Nicht, dass Baden-Württembergs Innenminister einer Fehlinformation aufsaß, als er verkündete, Tim K. habe die Tat im Internet angekündigt. Nicht, dass ein Schießstand im Elternhaus erfunden wurde, und nicht, dass ein Medium wie die „Bild“ ein Foto des vermeintlichen Tim am Schießstand zeigt, das aber gar nicht Tim zeigt. Auch das alles wurde bei Anne Will gesagt und angeprangert. Was gleichwohl auch nicht neu ist, dass manches Medium plakativ, vorschnell und damit unsauber arbeitet. Aber nun wurde es eben von sechs weiteren Menschen gesagt.

Wahres und Neues

 „Wenn Tim nicht an die Waffen gekommen wäre, wäre der Amoklauf nicht passiert“, sagte die Elternbeirätin zum Abschluss der Sendung. Da ist was dran. Also sind die Waffen des vernarrten Vaters Schuld.

Oder doch die Emanzipation? „Jungs fehlt es heute an Anerkennung“, sagte Vater Schumacher. Weil Mädchen, das allerdings ist neu in der Menschheitsgeschichte, in allem bevorzugt werden.

„Man muss auch mal den Griffel weglegen“, sagte Großvater Schönbohm,  „wenn die Kinder kommen und reden wollen.“ Jau, genau. 

Es war am Ende der Kriminologin und dem Psychologen zu danken, als sie alle Theorien, Haltungen, Meinungen wegwischten mit dem simplen Satz: „Es ist nicht vorherzusehen.“ Was gewiss kein Aufruf zur Resignation war, zur Schulter zuckenden Hinnahme solcher schrecklichen Geschehnisse. Es bedarf allerdings mehr und kompetenterer Ursachenforschung, als einer bloßen Einmischung bei Anne Will.

Von Helmut Schümann sind über den Umgang mit einem Pubertierenden die Bücher erschienen: „Der Pubertist“ und „Der Postpubertist“, beide bei Rowohlt.   

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