Fernsehkritik : Bierhoff statt Reich-Ranicki: Klimawechsel beim Fernsehpreis

In Köln wurde am Sonntagabend der Deutsche Fernsehpreis vergeben – und nur leise gegen das neue Format protestiert. Auch ansonsten überwogen Ernst und Emotionslosigkeit.

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Zurück zum Sport: Oliver Bierhoff bedankt sich für die Nationalelf. Katrin Müller-Hohenstein und Gerhard Delling lächeln im Hintergrund.
Zurück zum Sport: Oliver Bierhoff bedankt sich für die Nationalelf. Katrin Müller-Hohenstein und Gerhard Delling lächeln im...Foto: dpa

Der Protest war vier mal vier Zentimeter klein, quadratisch, metallisch und auf dem Bildschirm nicht gut zu erkennen. Erst bei näherem Hinsehen wurde der auf die Plakette gestanzte Satz „Ich bin preiswert“ lesbar. Was wie eine Rabattaktion im Sommerschlussverkauf anmutete, sollte Unmut ausdrücken über das neue Reglement beim Deutschen Fernsehpreis, der am Samstagabend in Köln vergeben und von der ARD am späten Sonntagabend als Aufzeichnung übertragen wurde.

Also schmückte sich Laudator Hape Kerkeling am Revers mit dem dezenten Accessoire, das der Berufsverband der Film- und Fernsehschauspieler unter die Gäste im Kölner Coloneum gebracht hatte. Die ZDF-Morgenfrau Dunja Hayali trug es zu ihrer üppigen Körperbemalung, und auch ein paar andere Prominente zeigten sich solidarisch. Viel mehr Demo war im Kölner Coloneum nicht. Ein bisschen schien die Luft aus dem brancheninternen Zank raus. Die Zeichen stehen auf Versöhnung.

Schon Monate vor der Gala hatten sich die Stifter des Deutschen Fernsehpreises (WDR-Intendantin Monika Piel, RTL-Chefin Anke Schäferkordt, ZDF-Intendant Markus Schächter, ProSiebenSat 1-Fernsehvorstand Andreas Bartl), den Unmut der Kreativ-Branche zugezogen. Sie reduzierten die Zahl der Preiskategorien. Die bisher üblichen Einzelauszeichnungen für Regie, Drehbuch, Kamera, Schnitt und Nebenrollen fielen weg. Stattdessen wurden die Urheber eines Fernsehwerks im Ganzen geehrt. Die Stifter glauben, mit dem Bühnengang en bloc die Übergabe der Plexiglas-Trophäe publikumswirksamer zu gestalten.

Was der Fernsehzuschauer davon hat, wenn ein undefinierbares Dutzend Fernsehschaffender sich auf der Bühne knubbelt, um den einen Sammelpreis fürs gemeinsame Werk entgegenzunehmen, erschließt sich nicht. Es bleibt nur hängen, dass Annette Frier den Preis für die beste Serie („Danni Lowinski“, Sat 1), abgeräumt hat. Frier, auch mit „Ich-bin-preiswert“-Plakette an der Brust, bedankte sich artig beim Team und las dann im proletarisch-komischen Lowinski-Ton Unartiges von einem Zettel ab: dass Stifter und Kreative „ihren beleidigten Arsch an einen Tisch setzen“ sollen, „um für die Preisverleihung 2011 eine konstruktive Lösung zu finden, so dass wir uns nächstes Jahr wieder alle gemeinsam besaufen können“.

Man kann das sicher feiner ausdrücken. Aber sonst hatte sich eh keiner getraut, auf der Bühne Deutliches zum Top-Thema des Abends zu sagen. Es war ja eigentlich klar, dass die letztjährige Moderation des Fernsehpreises auf Sat 1 nicht zu toppen ist. 2009 nahmen Anke Engelke und Bastian Pastewka verkleidet als Volksmusikanten-Duo „Anneliese und Wolfgang“ das ganze Fernsehgewese ironisch leicht auf die Schippe. Unter Leitung von Sandra Maischberger und Kurt Krömer überwog in der ARD diesmal der Ernst.

Die Stimmung war so ernst, dass Simone Thomalla ihre Pupillen keinen Millimeter vom Teleprompter löste, als sie die Laudatio hielt auf Dominik Grafs wirklich grandios inszenierten Mehrteiler „Im Angesicht des Todes“ (ab 22. Oktober in der ARD). Dass der Regisseur selbst nicht auf der Bühne stand, hatte wohl nichts mit einer Einzelprotestaktion zu tun. Graf dreht derzeit im tiefsten Thüringen.

Bester Fernsehfilm ist der „Tatort: Weil sie böse sind“ (ARD/hr). Als beste Schauspielerin wurde Ulrike Kriener („Klimawechsel“, ZDF) geehrt. „Dutschke“-Darsteller Christoph Bach setzte sich als bester Schauspieler durch gegen Thomas Kretschmann („Romy“, ARD). Der war mit seiner ebenfalls nominierten Film-Partnerin Jessica Schwarz im Partner-Look zur Gala erschienen, sie konnten aber beide auf der Bühne nicht ihr Protest-T-Shirt mit dem Aufdruck „Restnominiert“ präsentieren.

Gleich zweimal musste Stefan Raab ans Mikrofon, was den ARD-Intendanten Peter Boudgoust und Pro-Sieben-Chef Bartl gefreut haben müsste. Die gemeinsam produzierte Show „Unser Star für Oslo“ war die beste, und Raab darf sich jetzt „Entertainer des Jahres“ nennen. Den besten WM-Fußball aus Südafrika hat man nach Jury-Meinung bei RTL gesehen. Mit der Auszeichnung hat wohl nicht mal RTL-Sportreporter Günther Jauch gerechnet, sonst hätte er sicher die Lese auf seinem Weinberg ruhen lassen. Ebenso abwesend: die für den Ehrenpreis nominierte deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Ihr Manager Oliver Bierhoff kam solo auf die Bühne. Ein Höhepunkt an Emotionslosigkeit.

Irgendwie kann man sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass, sorry Jungs, Podolski, Özil, Klose und Co. in einer Reihe stehen mit den früheren Ehrenpreisträgern Alfred Biolek, Marcel Reich-Ranicki und Inge Meysel.

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