Fernsehkritik : Der gute Mensch von RTL

In Günther Jauchs Jahresrückblick „2011! Menschen, Bilder, Emotionen“ feiert sich der Kölner Privatsender selbst. Und Jauch gibt dem ZDF bei seiner Suche nach einem „Wetten, dass..?“-Nachfolger einen Korb.

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Gegenbesuch: Günther Jauch (links) hatte Thomas Gottschalk zu Gast. Die Nachfolge bei „Wetten, dass..?“ will der RTL-Moderator und ARD-Talker nicht antreten. Foto: dapd
Gegenbesuch: Günther Jauch (links) hatte Thomas Gottschalk zu Gast. Die Nachfolge bei „Wetten, dass..?“ will der RTL-Moderator und...Foto: dapd

Ein Jahresrückblick auf RTL ist keine objektive Bilanz. Die Verhältnismäßigkeit der Ereignisse ist dem Sender offensichtlich nicht so wichtig. Was an diesem Sonntagabend zählt, ist die Subjektivität der RTL-Brille. Die Finanzkrise der Euro-Länder, der politische Kollaps in Griechenland, das Ende der Ära Silvio Berlusconi und der Rücktritt des Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg, ja selbst der Arabische Frühling und der Sturz von Muammar Gaddafi werden zu kurzen Momentaufnahmen in den „Bildern des Jahres“. Politik und Wirtschaft, die den öffentlich-rechtlichen Günther Jauch am Sonntagsplatz in der ARD beschäftigen, im Privatsender RTL müssen sie draußen bleiben. Selbst royale Großereignisse wie die Vermählung von Prinz William und Kate Middleton oder die fürstliche Hochzeit in Monaco passen gerade einmal in die Zusammenfassung.

„2011! Menschen, Bilder, Emotionen“, das sind zuvorderst die RTL-eigenen Formate. Wird Maite Kelly, eins der elf Kinder der Kelly-Family, die nächste Michelle Hunziker, weil sie bei „Let’s dance“ Jury und Publikum überzeugte? Sind die Dauerverlobten Pietro Lombardi und Sarah Engels – zur Erinnerung: bei dem Paar handelt es sich um die aktuellen Gewinner von „Deutschland sucht den Superstar“ – das wichtigste musikalische Ereignis der Saison? Was bewegt des Deutschen Sportherz mehr, der neuerliche Meisterschaftstriumph von Borussia Dortmund oder die sympathischen Klitschko-Brüder?

Für RTL ist das keine Frage: der Sieg in einem hauseigenen Formate oder eine langjährige Zusammenarbeit mit einem Boxstall müssen einfach mehr Bedeutung haben als jede Ausgewogenheit. Fast schon ein Wunder ist es, dass der Formel-1-Sender RTL der zweiten Weltmeisterschaft von Sebastian Vettel im Jahresrückblick keinen größeren Raum gegeben hat. Das Konzept ist aufgegangen. 8,39 Millionen Zuschauer verfolgten die über dreistündige Sendung, das entspricht einem Marktanteil von 26,7 Prozent.

Einen ganz besonderen Stellenwert hat etwas anderes: die Moral. Emotionale Momente sind für einen Jahresrückblick, der sich in erster Linie der Unterhaltung verpflichtet sieht, eine wichtige Zutat. Doch zur großen, die Zuschauer bewegenden Geschichte gehört noch mehr. Dass der kleine Tobias-Samuel Schulte nicht aufgab, Benedikt XVI. in den kleinen Ort Echthausen einzuladen und dafür mit einer Einladung des Papstes während seines Deutschlandbesuches belohnt wurde – das ist eine zutiefst moralische Geschichte. Für so etwas hat Günther Jauch ein Gespür, da wird bereits im Mai das Wrack eines Ford Mustang Cabriolets gekauft, weil dessen Fahrer den Zusammenstoß mit einem acht Tonnen schweren Traktor nahezu unbeschadet überstanden hat. Wie groß muss dessen Schutzengel gewesen sein?

Oder wer sollte an dem Mut und der Zivilcourage von Menschen zweifeln, die ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit eingreifen, wo das Leben anderer Menschen bedroht ist. So wie es Marcel Gleffe getan hat, als der Deutsche über zwanzig Jugendliche vor dem norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik rettete. Der mit seinem Boot mehrfach zu der Insel fuhr, um die sich in Lebensgefahr befindenden Kinder dem Zugriff des Amokläufers zu entziehen. Wie praktisch, dass RTL-Nachrichtenmann Peter Kloeppel zugleich die Informationskompetenz des Senders dokumentieren kann.

Die richtige Seite, die richtige Sendung, diese Kategorien gibt es auch für Günther Jauch. Jauch kennt seine Stärken. Und selbst wenn es keine Schwäche ist, so weiß er doch, wo die Unterschiede zwischen ihm und Thomas Gottschalk liegen. „Ich glaube einfach nicht, dass ich das gut kann, schon gar nicht als Nachfolger von Thomas Gottschalk“, gab Jauch dem ZDF am Sonntagabend zum Ende seines Jahresrückblicks einen Korb. So wie vor ihm Hape Kerkeling will auch Jauch nicht die ZDF-Show „Wetten, dass..?“ moderieren, deren letzte Sendung mit Thomas Gottschalk am Samstagabend fast 15 Millionen Zuschauer gesehen haben. Und genau wie bei Kerkeling ist es auch bei Jauch keine Frage der Größe, ob er in Gottschalks Fußstapfen passt. Das Lächeln des „Wer wird Millionär?“-Moderators, die Gesprächskultur eines TV-Talks, ja selbst gefühlige Jahresrückblicke beherrscht Günther Jauch, doch zu karierten Jacken und Cowboystiefeln passen blonde Locken eben doch besser als ein Seitenscheitel. „So sehe ich aus wie Clown Dodo aus dem Wanderzirkus“, sagte Jauch in Gottschalks zwanzig Jahre altem „Wetten, dass..?“-Anzug und der Krawatte mit dem Tigermuster.

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