Fernsehkritik : Digitaler Überschwang: Christiansen und Aust

Ein Drittel Großinquisition, ein Drittel TV-Duell, ein Drittel Bürgersprechstunde. Joachim Huber hat verfolgt, wie Sabine Christiansen ein Hybridformat zusammenhält und Stefan Aust zur Randfigur wird.

Joachim Huber
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In der Arena. Sabine Christiansen und Stefan Aust sind noch kein "Dreamteam".Foto: promo

Jetzt ist er da, der Hyper-Talk. Erfunden von Sat 1 für die „Wahlarena“. Sabine Christiansen und Stefan Aust agieren als Moderatoren, mehr noch agieren sie als Hightech-Dompteure. Webcam, SMS, Email, der Bürger wird zum interaktiven Teilnehmer. Die Videowände im Studio verdoppeln die Studiosituation, es flirrt und flimmert, angetrieben von einer Kamera, die wie ein Derwisch durch die Szenerie huscht. Per Laufband werden Zuschauerreaktionen durchs Bild gezogen. „Ihre Wahl! Die Sat-1-Arena“ ist definitiv anders als der parallel laufende ARD-Talk der „Anne Will“, im Ersten wird Fernsehen aus dem analogen Zeitalter dargeboten, im Privatsender Digital-TV. Und findet das alles noch auf einem Bildschirm statt? Oder schaut der Zuschauer in einen PC, sieht er ein Videospiel in Echtzeit, das sich „Wahlarena“ nennt?

Die Sat-1-Sendung beschäftigt alle Sinne und erreicht damit Überwältigung statt Überzeugung. Die Augen werden von diesem Bilder-Bombodrom derart gebannt, dass die Ohren kaum hören, was CSU-Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sagt. Noch immer regiert das Wort den Wahlkampf. Die „Wahlarena“ muss abrüsten, sie muss reduzieren, ansonsten rast eine Stunde Fernsehen am wesentlichen Ziel, Information und Orientierung der Zuschauer, glatt vorbei.

Aufgeteilt sind die 60 Minuten in die Drittel Großinquisition, TV-Duell, Bürgersprechstunde.
Also „Kreuzverhör“ zum Beginn, dann Auftritt vom politischen Gegner, dem Linken-Chef Oskar Lafontaine, zur Schlussrunde kommt die Unternehmerin Claudia Sturm mit an den Tisch Platz. Zwischendurch spitze Christiansen-Schreie („Es gibt eine Webcam!“), Einspielfilmchen, Kommentare der „Prinzen“-Rolle Sebastian Krumbiegel, der es sich in Leipzig mit Papier und Kuli und Bier gemütlich gemacht hat, dann twittert es. Das liebste Spielzeug scheint die SMS-Einblendung  zu sein. Ein ums andre Mal wird da die deutsche Sprache vergewaltigt („Ein Adliges, das bürgerlich denkt“). Hoffentlich ist Sat 1 mehr als nur das Sammelbecken frustrierter Legastheniker.

Der durchdigitalisierte Zuschauer sorgt mit seinen Beiträgen für die Emotionen auf dem Bildschirm und für die Emo-Fragen. Christiansen und Aust geben sich als professionals des Polit-Fernsehbetriebes. Aust (63) macht auf „Daddy Cool“, die jovialere Christiansen (51) sucht den Kontakt zum Fernsehvolk. Handelsüblich sind ihre Fragen an die Politiker, warum auch nicht, Sat 1 wird die Themen und die Tonlage des Wahlkampfs nicht verändern. Der Auftritt von Oskar Lafontaine bringt Bewegung und Konfrontation, grobmotorisch wird es nicht. Hier konzentriert sich die „Wahlarena“ aufs Thema, kommt zu ihren stärksten Momenten. Es wird über die beste und gerechte (Wirtschafts-)Politik gesittet gestritten. Lafontaine punktet für die einen, Guttenberg für die anderen Zuschauer.

Bereits hier hat Sabine Christiansen zu ihrer alten Rolle zurückgefunden. Sie will mit einem verqueren Hybrid-Format zurück in die Polit-Champions-League. Die Talkmasterin moderiert nicht nur, sie dirigiert die Teilnehmer, hält die Sendung zusammen, die jeden Moment in ihre Bauteile zu zerfallen droht. Stefan Aust, immerhin der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, wird Randfigur. Wie ein braves Winkelement bettelt er um Aufmerksamkeit und wird doch  übersehen. Bei der nächsten „Wahlarena“ muss Aust stärker ins Duell mit Sabine Christiansen. Wenn beide zusammen klüger als eitel sind, könnte, naja, ein „Dreamteam“ draus werden. Die Mutter aller Voraussetzungen: Sat 1 dämmt die Hysterie der digitalen Möglichkeiten und gibt den Politikern und den Moderatoren wirklich eine Chance. Die Premiere war eine Misstrauenserklärung an die Menschen im Format.

Und dann, um 23 Uhr 15, musste plötzlich Schluss sein. Christiansen und Aust schrien „Danke“ und „Auf Wiedersehen“, die beiden Politiker und die Mittelständlerin wussten nicht, wie ihnen geschieht. Ein absurderes Finale hat es im Fernsehen 2009 noch nicht gegeben. Ob die Zuschauer etwas geahnt haben? Nur 830 000 schalteten "Ihre Wahl! Die Sat-1-Arena" ein. Die althergebrachte, analoge "Anne Will" konnte 3,29 Millionen interessieren.

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