Fernsehkritik : Ein Kessel Stumpfes

Viel Barth, wenig Sinn: Warum ein bisschen mehr Kerner der neuen Sat-1-Show "Kerner" gut getan hätte.

Matthias Kalle
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Schwacher Start. Die Premiere von „Kerner“ mit Johannes B. Kerner wollten 1,83 Millionen Zuschauer sehen. Foto: dpadpa

Den Moderator Johannes B. Kerner und sein Schaffen im deutschen Fernsehen irgendwie nicht so gut zu finden, ist ähnlich originell wie – sagen wir mal – Mario Barth lustig zu finden: nämlich gar nicht. Nun war Mario Barth am Montagabend in der ersten Sendung von Kerner bei Sat 1 zu Gast. Barth war nicht lustig. Aber was war Kerner?

Kerner war zunächst einmal nach Hause gekommen, nach Jahren beim ZDF ist er wieder bei Sat 1, und er ist auch wieder Fußballmoderator. Wieder bei „ran“, dieser Sendung, in der er in den 90er Jahren vielen als der neue Dieter Kürten galt. Beim neuen „ran“ ist Kerner der alte Kerner, vor zwei Wochen dienerte er vor Bayern Münchens Kapitän Mark van Bommel und bedankte sich unendliche Male für dessen „Offenheit“, was ja gleichzeitig ein Eigenlob für Kerners Fragetechnik darstellte. Für Kerner-Gegner war das eine Warnung, wenn nicht sogar eine Drohung.

Und nun also „Kerner“, die Sendung, die angekündigt wurde wie die Revolution des Talkformates, in der Kerner mit den Menschen hinter den Geschichten sprechen wollte – die ersten Geschichten waren Kündigungen bei Aldi und Staus auf deutschen Autobahnen. Da hatten sie dann allen Ernstes eine junge Frau im Studio, die darüber sprach, dass sie jetzt immer fünf Stunden brauche, um am Wochenende ihren Freund zu besuchen. Wen haben die nächste Woche in der Sendung? Einen Mann, der gesehen hat, wie in China ein Fahrrad umfällt? Für vieles an der neuen Sendung kann man Kerner allerdings keinen Vorwurf machen. Kerner war nicht anwesend. Er verzichtete größtenteils auf sein „kernern“. Er dachte vielleicht, das eine Sendung, die mit Einspielern und wechselnden Studioorten operiert, keine Führung braucht, sondern von selber läuft. Das tat sie nicht, mehr Kerner hätte „Kerner“ geholfen – so wie weniger Barth, dessen Kommen keinen Sinn ergab.

Mit dem „Komiker“ saß Kerner auf zwei Sesseln, zum Gespräch bereit, aber mit Barth ist ein Gespräch nicht machbar. Der setzt sich hin und erzählt seine Witzgeschichtchen, exakt dieselben, die er bereits auf RTL in der vergangenen Woche erzählt hat. Wieso lässt Kerner das zu? Warum versucht er nicht, mit Barth ein echtes Gespräch zu führen – darüber, wer er ist und wo er hin will? Das wäre dann vielleicht nicht lustig, möglicherweise aber spannend. Aber Barth muss dann doch noch was tun, nämlich Fleisch anbraten, denn irrerweise bekommt man in Restaurants, wenn man ein 200-Gramm-Steak bestellt, meist viel weniger auf den Teller. Haben die von Kerner rausgefunden. Und man wurde irgendwie das Gefühl nicht los, dass sich der Chef, also Kerner, mit diesen Themen nicht unbedingt pudelwohl fühlte.

Am neuen Studio kann das nicht gelegen haben. Da wurde nichts dem Zufall überlassen. Deshalb sieht es wohl auch so aus, wie fast alle deutschen Fernsehstudios: viel Braun, warme Töne. Und damit nichts schiefgeht in Sachen Attraktivität, sah man im Studiopublikum viele attraktive junge Damen. Der Altersdurchschnitt des Publikums war zu ZDF-Zeiten deutlich höher, die Quoten allerdings auch: Die erste Sendung bei Sat 1 sahen 1,8 Millionen Zuschauer. Und die sahen dann noch einen jungen Burschen, der behauptet, er könne mit den Toten reden. Den Job des Zweiflers überließ Kerner dann einem Psychologen, der ebenfalls eingeladen war. Und am Ende hatte Kerner trotzdem vier Minuten überzogen.

Vier Minuten. Ein bisschen viel für eine abgefilmte, schwache Vermischten-Seite, in der die Topnachricht fehlte: „Kerner geht unter“.

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