Fernsehkritik : Hart aber fair: Mehr als Händeringen auf hohem Niveau

Frank Plasberg reagierte schnell und thematisierte den Amoklauf von Winnenden in seiner Sendung "Hart aber fair". Andrea Dernbach über eine Diskussion, die nicht normal war - zum Glück.

Andrea Dernbach

Der Blick auf Frank Plasbergs Gästeliste verhieß das Schlimmste, will sagen das Übliche: Wolfgang Bosbach, Vize der Unionsfraktion im Bundestag und als Innenpolitiker praktisch für jedes Thema innerhalb der deutschen Landesgrenzen gleichermaßen zuständig und aussagebereit. Dazu der ebenso unvermeidliche Christian Pfeiffer, Direktor des kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachen, und als Fachkraft eine Psychologin, hier Rebecca Bondü von der FU in Berlin, die über Amokläufe forscht. Es kommt aber ganz anders als gedacht und das liegt nicht nur an der runden Recherche von Plasbergs Team (deren er sich überflüssigerweise rühmen zu müssen glaubt).

Es sind die jungen Diskutanten, die diese Ausgabe von „Hart aber fair“ übers Händeringen auf hohem Niveau hinaustragen und die man einmal nicht als Junges-Gemüse-Deko am Rande einer Show älterer Alleswisser welken lässt. Tom Westerholt, Redakteur und Computerspielefachmann des WDR-Jugendradios „Eins live“ berichtet über seine Reportagen von W-Lan-Partys in Turnhallen, und Johannes Struzek, Mitglied im Vorstand der Landesschülervertretung in Nordrhein-Westfalen, gesteht auf Anfrage offen, nicht nur er besitze und spiele das berüchtigte Baller-und-Blut-Spiel „Counterstrike“: „Von den 16 Jungs in meiner früheren Klasse hat es jeder schon gespielt. Und länger als zwölf Stunden.“ Die Mädchen vielleicht etwas weniger. Alles potenzielle Amokläufer? Struzek, der sympathische 19-Jährige, scheint das sichtbare Dementi. Auch als er Moderator Plasberg ruhig, aber ohne zu Zögern widerspricht, als der einen „Drang sich zu produzieren“ als „ganz normal“ bezeichnet. Findet der junge Mann nicht normal und sagt, er hoffe auch, dass das für Plasberg und Bosbach nicht normal sei.

So verbreiten die 60 Minuten Plasberg an diesem Abend zum Glück mehr produktiven Zweifel als die falsche Gewissheit, mit Geld und politischen Reparaturen an den richtigen Stellen werde man auch der Amokläufe schon irgendwie Herr werden. Man zuckt dann doch noch einmal, als Plasberg ankündigt, statt mit einer Schlussrunde wolle er mit ein paar Sätzen von Ex-Bundespräsident Johannes Rau schließen. Bruder Johannes nun auch postum? Aber die Worte aus Raus Rede während der Trauerfeier 2004, nach dem Amoklauf in Erfurt, sind ein angemessener Schluss: „Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben