Fernsehkritik "Hart aber Fair" : Quote mit Hochwasser-TV

Angst, Prognosen, Sondersendungen: Das deutsche Fernsehen beobachtet die Naturkatastrophe und macht Quote mit dem Jahrhunderthochwasser .

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Plasberg setzt auf Hochwasser.
Plasberg setzt auf Hochwasser.Foto: dpa

Montag Abend im deutschen Fernsehen: "RTL aktuell Spezial: Das Jahrhunderthochwasser", danach ein „ZDF Spezial Land unter“,  dann „Hochwasseralarm – der Kampf gegen die Flut“ im „ARD-Brennpunkt“, zu guter Letzt „hart aber fair“ mit dem in deutscher Talkshow-Rekordzeit nachmittags noch ins Programm gehievtem Thema „Die Flut in Deutschland – nur Laune oder Rache der Natur“. Frank Plasberg blickt nach vorn. Wozu haben wir so viele wöchentliche Talkshows, wenn nicht aktuell reagiert werde kann?

Die Donau schwappt nicht jeden Tag meterweise über. Da ließ es sich im Trockenen abends vorm Bildschirm besonders gut mitfiebern, zuhören. Die Diskutanten bei Plasberg waren schnell zur Hand: ARD-Metereologe Karsten Schwanke, der die Lage mit der noch gefährlicheren Flut im Hochsommer von 2002 verglich, Umweltminister Peter Altmaier, erst mal um Beruhigung und Ausgleich bemüht, später um Verantwortungsübernahme, Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, die Courage für eine neue Politik an den Flussläufen für die Zeit danach forderte sowie Roland Tichy, Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, der sich ein bisschen demütig gab: Nicht alles lasse sich mit Dämmen wegregulieren, schon gar nicht das Starkwasser.

Echten Hochwasseralarm brachte Klimaforscher Mojib Latif in die Runde, der an die Häufung der Starkniederschläge im Zusammenhang mit der Erderwärmung, dem Klimawandel hinwies und sich wunderte, dass wir alle Jahre über dieselben Risiken reden und nicht handeln. Schluss mit den Sonntagsreden, Herr Altmaier!

Hochwasser in Deutschland
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).Weitere Bilder anzeigen
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27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Plasberg ließ die Diskussion weitestgehend laufen. Hin und wieder warf er das Wort „Angst“ in die Runde. Es gab schon konfrontativere Ausgangssituationen. Kurzzeitig erwog der Talker, die wie stets eifrig debattierende Renate Künast als Co-Moderatorin zu engagieren. Immerhin, über Skype ließ sich eine Bäuerin in 1100 Meter Höhe zu Hangrutschen und Muren vernehmen. Hat man auch nicht alle Tage. Ihr Credo: Wir müssen noch mehr lernen, auf die Natur zu achten.

Noch mehr Betroffenheit in den Sondersendungen davor. Dresden, Rosenheim, Passau, die Katastrophe vor unserer Haustür. Familien, die, wie die Schlohbachs, emotionalen und finanziellen Belastungsproben ausgesetzt sind – gleich 45 Minuten lang stemmten BR und MDR im „Brennpunkt“ ab 20 Uhr 15 das Thema dieser Tage, moderiert von Sigmund Gottlieb, mit einem Sonderlob für die Männer von Feuerwehr und Bundeswehr, die pausenlos im Einsatz sind.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen schnurrt zur Naturkatastrophe auf Hochtouren. Die Stunde der Helfer ist auch die Stunde des Fernsehens, die Stunde der Regierung. Einen Tag vor Angela Merkels Besuch vor Ort haben die ARD-Reporter die Gummistiefel angezogen, in Bayern, Sachsen und Thüringen. In Gretz/Thüringen beobachtet Kristin Schwietzer die Situation. Leicht Sinkende Pegelstände, Schlammbrühen. In Grimma/Sachsen harrt Gunnar Breske. Gottlieb fragt: Ist das Schlimmste überstanden?

Das Ganze in der üblichen „Brennpunkt“-Katastrophen-Dramaturgie: Einschätzungen der Moderatoren vor Ort, dazu Experten im Studio, Fragen zum Klimawandel an Professor Harald Kunstmann. Gelegenheit, das Prinzip von Talsperren oder Murenabgänge an den Bergen zu erklären. Selbst RTL, sonst festgesurrt im Programmablauf zugunsten werbefinanzierter Unterhaltungssendungen, brachte am Montagabend zur besten Sendezeit, nach RTL aktuell, eine Sondersendung. Nicht gerade zur Freude von Fans der Serie „Alles was zählt“, die pausieren musste.

Auch der Kölner Privatsender hat gesehen: Ein viertelstündiger „Brennpunkt" hatte dem Ersten bereits am Sonntagabend starke Quoten beschert: Mit mehr als zehn Millionen Zuschauern war der „Brennpunkt“ die mit Abstand meistgesehene Sendung des Tages - noch vor „Tatort“ und dem Fußball-Länderspiel zwischen USA und Deutschland.

Da musste am Montagabend was draufgelegt werden. Die ursprünglich in der ARD für die Primetime geplante Dokumentation hieß: „Die Donau“. Es hängt also auch hier offenbar alles mit allem zusammen, wie beim Klimawandel. Die spannendste Frage stellte ein Zuschauer bei Frank Plasberg: Warum finden solche Hochwasserkatastrophen immer vor Bundestagswahlen statt?

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