Fernsehkritik : Kerner und Maischberger: Damenkränzchen und Herrengedeck

Frauenversteher Johannes B. Kerner sprach im ZDF über große Gefühle, Altherrenversteherin Sandra Maischberger talkte in der ARD über große Politik – mehr Klischees gab’s selten zu sehen.

Sonja Pohlmann
Talkshow "Johannes B. Kerner"
Auch blond. Van Bergen, Schäfer, Kraus (von links) bei Kerner.Foto: dpa

Nach drei Minuten reichte es Sarah Kuttner, sie wollte nicht noch mehr von den Klischees hören, die Opernsängerin Dagmar Koller gerade von sich gegeben hatte: Blondinen haben mehr Erfolg bei Männern, obwohl schwarzhaarige Frauen als häuslicher und lieber gelten. Frauen sind stärker als Männer,  aber trotzdem müssen Männer ihnen den Koffer vom Fließband heben - kaum war die ZDF-Talkshow „Johannes B. Kerner“ am Dienstagabend gestartet, hatte Koller schon die schönsten Vorurteilen bedient und Sarah Kuttner um Einhalt gerufen. Weit kam sie damit nicht.

Knapp eine Woche nach dem Weltfrauentag am 8. März – und Barbies 50. Geburtstag – plauderte Frauenversteher Kerner in seiner Talkshow über Liebe, Alter, Schönheit, Karriere und Familie.  Wie gehen Frauen damit um, wollte er nicht nur von Kuttner und Koller, sondern auch von ProSieben-Moderatorin Sonya Kraus, „Dschungelkönigin“ Ingrid van Bergen, Ex-Schwimmerin Franziska van Almsick und Moderatorin Bärbel Schäfer wissen. Deren Mann Michel Friedman saß derweil nebenan im Ersten bei Altherrenversteherin Sandra Maischberger, die in ihrer Talkshow – mal wieder - zum Männergipfel geladen hatte. Erst redete sie mit Schauspieler Günther Lamprecht, der Opfer eines Amokläufers wurde, und Josef Ambacher, Präsident des Deutschen Schützenbundes, über das Massaker in Winnenden, danach mit Ex-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert, Journalist Peter Scholl-Latour und Friedman über die großen Fragen aus Politik und Religion: Israel, deutsche Soldaten im Auslandseinsatz, Moral , Toleranz und Glaube.

Männer müssen über Männerthemen sprechen, Frauen über Frauenthemen – das scheinen die beiden öffentlich-rechtlichen Sender und ihre Moderatoren zu denken. Schade. Warum sollte nicht mal Michel Friedman über Liebe und Familie reden? Warum sich Scholl-Latour und Wickert nicht mal Gedanken darüber machen, warum noch immer so wenige Frauen Karriere machen, obwohl sie die besseren Schulabschlüsse haben? Vermutlich hat Bärbel Schäfer nicht weniger zum Thema Toleranz und Glaube zu sagen, als ihr Mann. Und Franziska van Almsick, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Sporthilfe, hat sicher auch schon einmal über Politik nachgedacht. Die Ergebnisse eines solchen Rollentauschs wären wenn nicht erkenntnisreicher, dann wenigstens weniger erwartbar gewesen als das, was Maischberger und Kerner am Dienstag lieferten. 

Bei den älteren Herren mag es vielleicht schwer sein, statt der alten Geschichten etwas Neues herauszubekommen und so ließ Maischberger Scholl-Latour, gerade 85 geworden, in Erinnerungen schwelgen. Kerner aber hätte aus seinem Damenkränzchen mehr rausholen können. Doch er versäumte die Gelegenheit, mit den Frauen im Alter von 30 bis 77 darüber zu sprechen, wie unterschiedlich sie als Vertreterinnen der verschiedenen Generationen Gleichberechtigungsversprechen und Realität wahrnehmen, warum Frauen noch immer so oft verlieren, wenn es um die Besetzung von wichtigen Positionen geht, warum Männer bejubelt werden, wenn sie Elternzeit nehmen, während es für Frauen weiterhin selbstverständlich ist, warum Frauen nicht so gut netzwerken wie Männer.

All diese Themen wurden zwar angeschnitten, aber ausführlich diskutiert wurde keines. Stattdessen hechelte Kerner von Frage zu Frage,  „Fehlt Frauen ein Machtgen?“ wollte er hinsichtlich der Tatsache wissen, dass Frauen nur 30 Prozent der Führungspositionen in Deutschland besetzen. Irgendwo zwischen dem guten Schulabschluss und Berufsfindung scheint etwas verloren zu gehen, stellte Franziska van Almsick lediglich fest. Vorbilder schaffen Vorbilder, versicherte Schäfer, sprich, gibt es mehr Frauen in Führungspositionen, kommen auch mehr nach – aber wie sie dort erstmal hinkommen können,  wenn Männer lieber Männer einstellen, darüber blieb keine Zeit zu reden. Schnell weiter, Beziehungsglück und Boris Becker, die Unterschiede von Angela Merkel und Barack Obama, Susanne Klatten und ihr Liebhaber, Bauchgefühl und rationale Männer, all das wurde gut angerissen, aber nicht diskutiert.

Schließlich musste Sonya Kraus, Autorin eines gerade erschienen Beautybuchs, am Ende erzählen, dass sich Frischhaltefolie hervorragend eignet, um Speckrollen unterm Paillettenkleid wegzuwickeln, Männer sich Binden unter die Achselhöhlen kleben sollten, um Schweißflecken auf dem Hemd zu vermeiden und dass Kerner sein „Schlappohr“ doch mit Klebstoff festpappen könnte. Dass junge Frauen immer mehr unter vermeintlichen Schönheitsidealen leiden, sich schon mit 14 Brustvergrößerungen wünschen, wäre vielleicht auch interessant für eine längere Diskussion gewesen. Aber dafür blieb keine Zeit. Die Klischees warteten. Kuttners Hilferuf verhallte. 

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