Fernsehkritik : Merkel bei Anne Will: Nüchternheit trifft Erwartbarkeit

Lange hat Deutschland seine Kanzlerin nicht in einer Talkshow gesehen. Am Sonntag war es soweit: Angela Merkel wurde von Anne Will befragt - zur Krise des Landes, der Großen Koalition, der Union. Joachim Huber vergibt das Prädikat des Auftritts: "echt bemüht".

Joachim Huber
Will und Merkel
Eine Stunde lang stellte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel den Fragen von Anne Will. -Foto: dpa

Sie hat wieder auf diese unnachahmliche Weise die Haare schön. Erkennbar ist am Kanzlerinnen-Conditioner nicht gespart worden. Angela Merkel trägt bei „Anne Will“ das Modell „Sturmhaube“ zu Markte. Klares Signal: Was immer da an Kritik kommt, ich bin gerüstet, mich pustet selbst der stärkste Fragensturm nicht um.

Und Anne Will? Der immergleiche Hosenanzug, die immergleiche Frisur, auch die Moderatorin eingepanzert in der Uniform der Sonntagabend-Talkerin. Der Ton im Duett-Duell ist schnell angeschlagen: Die Welt in der Krise, das Land in der Krise, die Kanzlerin in der Krise, die Union in der Krise. „Krise“, das Wort des Abends, wie eingekerbt in die Fragen-Batterie der Talkmasterin. Will möchte Merkel nach unten ziehen, in den Krisensumpf. „Lassen Sie die Koalition platzen?“, „Sind Sie die Richtige?“, mit einer derartigen Mischung aus Verhör und Empörung sucht die Moderatorin den Gast in die Enge zu treiben.

Die Kanzlerin aber will Bewegungsfreiheit, sie will nachweisen, dass Angela Merkel Krise kann. Weil es dieser Politikerin nicht unbedingt gegeben ist, mit kraftvoller freier Rede zu punkten, sollen ihre Hände die Wucht der Argumente visualisieren. Wirkt freilich so künstlerisch und politisch kraftvoll wie „Malen nach Zahlen“. Die ARD-Kameras suchen das Gesicht und die Hände der Regierungsfrau und verstehen sich dabei aufs Protokoll. Es gibt keine besonderen, insbesondere keine gemeinen Einstellungen der Kanzlerin. Konzentration, nicht Firlefanz ist das Gebot der Regie.

Jeder Yes-we-can-Gestus ist Merkel fern

Angela Merkel ist ins fußballfeldgroße Studio gekommen, um im superblütenweißen Frühlings-Jackett die bestmögliche Regierungspolitik unters Fernsehvolk zu streuen - das ein Wahlvolk ist. Ja, die Krise ist da, ja, wir haben die Mittel und Möglichkeiten, ja, wir müssen uns anstrengen, ja, es gibt Anlass zur Sorge, nein, es lasse sich kein Zeitpunkt nennen, wann die Finanz- und Wirtschaftskrise vorüber sei. Ein weiteres Konjunkturpaket? Merkel will das Pulver trocken halten, jeder Yes-we-can-Gestus ist ihr fern. Nüchterne Analyse, der geübte Griff in den Instrumentenkasten, eine Bedienungsanleitungs-Sprache, das kann alles nicht faszinieren noch begeistern – und doch bekommt der Gedanke sein Gewicht, hier könnten anhaltender Pragmatismus und 80 Milliarden Euro so zielführend sein wie schiere Super-Vision und eine Billion Dollar.

Anne Will hat eine Menge Fragen auf den Kärtchen. Unmissverständlich sind sie formuliert, erwartbar im Gehalt; Esprit und Überraschung haben sich nicht hinein gedrängt. Was auf der Hand liegt, wird in Frageform gebracht. Die politikfernen Zufalls-Zuschauer bekommen die Chance auf Teilhabe. Hätten sie wirkliches Interesse, wüssten sie, dass die Merkel am Sonntag keine originelleren Antikrisen-Rezepte vorlegt als am Freitag, am Donnerstag, am…

Kein Abend der Schlaumeierei

Es sind 60 ruhige Minuten in Berlin-Adlershof; mal wird gelächelt, Kanzlerin und Talkmasterin fallen sich sehr selten ins Wort. Es nutzt dem Gespräch, dass Frau Merkel und Frau Will sich nicht gegenseitig übertrumpfen wollen. Es gibt etwas zu bereden – also lasst uns darüber reden. Kein Abend der Schlaumeierei, kein Will-TV, keine Kanzler-Show. Der Zuschauer-Mund wird allmählich trocken, das „Betroffenheits-Sofa“ mit einer Opel-Familie und die allfälligen Umfragen bei Wählern, politischen Gegnern und CDU-Mitgliedern sollen für Volksnähe und Bewegung sorgen und sorgen doch nur für Ablenkung und Hektik.

Natürlich ist da noch die Unionistin, die Parteiführerin, eine, die der Vertriebenen-CDU und der Papst-Partei vorsteht. Erika Steinbach, die Bund-der-Vertriebenen-Domina, wird die Worte der Angela Merkel wohl vernommen haben. Die Kanzlerin versucht mit aufreizender Equilibristik, gegen und mit Steinbach die angekündigte Vertriebenen-Stiftung hochzuhalten. Will gibt sich damit zufrieden, zu sehr scheint das Thema eine Retro-Minderheiten-Frage zu sein. Der deutsche Papst und der Holocaust der Deutschen? Merkel ist da ganz klar: Als deutsche Regierungschefin – zwischenzeitlich jazzt sie sich zum „deutschen Staatsoberhaupt“ hoch – muss sie sich zu Wort melden, wenn das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte geleugnet wird. Mit fortschreitender Zeit wird Merkel souveräner.

Angela Merkel wird sich vom Auftritt bei „Anne Will“ einiges versprochen haben. Klare Worte, klarer Kurs, also klarer Sprung in der Wählergunst? Das wird so einfach nicht zu haben sein. Entscheidend ist, was die Zuschauer aus der Kanzler-Performance machen, wie sie die 60 Minuten bewerten. Ehrlich: Der Auftritt vermittelt das Prädikat „echt bemüht“, Merkel sorgt, ackert, macht und tut – aber die Wunderheilerin ist sie nicht, will sie gar nicht sein. Eher eine Kümmerin mit rationaler Grundstruktur und Anflügen von Empathie. Von unmissverständlicher Führung ist wenig zu spüren, die Krise, die Krisen sollen dem Anschein nach wie die Regierungszeit der Großen Koalition irgendwie zu Ende gebracht werden. So eine gewollte Ich-bin-der-ruhende-Pol-Position kann schnell Konzeptlosigkeit, ja Ratlosigkeit ausstrahlen. Die Opposition wird an diesem Sonntagabend nicht in Schockstarre verfallen.

Mehr Zwei-Frauen-Pressekonferenz als Interview

Wer immer das erwartete Kanzlerduell für die ARD moderieren soll – Anne Will ist in Führung gegangen. Sehr artikuliert und präzise stellt sie ihre Fragen, wie es im strengen Gesprächsformat des Tete-à-tete eingefordert wird. Noch selten war bei ihr die „Tagesthemen“-Schule so deutlich spürbar wie am Sonntagabend: Auf den Punkt kommen, ein bisschen insistieren, lieber klarstellen als tiefer bohren. Angriffsgeist ist vorhanden, noch spürbarer ist die Panik, dass ein Thema ausgelassen werden könnte. Es geht von A nach Z, ein echtes Gefühl für Spannungsdramaturgie ist dieser Moderatorin Sache nicht.

Merkel nimmt die Fragen, wie sie kommen. Was ihr wichtiger als wichtig ist? Bleibt unklar. Die Stunde Angela-Merkel-bei-Anne-Will verliert über die Stunde den Charakter eines Gesprächs, es wird eine Zwei-Frauen-Pressekonferenz. Hat Will am Ende nicht für das „Interview“ gedankt? Wenn ja, dann hat sie das richtige Etikett gewählt. Willentlich oder unmerklich.

Die vergangene Woche, von Montag bis Sonntag genommen, hatte etwas von einem vorgezogenen Kanzlerduell. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier war bei „Beckmann“, um zu klären: „Wer ist Frank-Walter Steinmeier?“. Angela Merkel gastierte bei „Anne Will“ mit der Frage: „Was will die Kanzlerin?“. Die Antworten sind so ausgefallen, dass sich weiteres Nachfragen lohnt. Allerdings in anderen, überraschenden Konstellationen. Beckmann, Merkel, Steinmeier, Will - alles schmeckt so aufregend wie das stille Wasser, das Nationalgetränk des journalistisch-politischen Komplexes in Berlin.

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