Fernsehkritik : Neues aus der Anstalt: Es lebe der keulenhafte Humor

Grob sein, draufhauen, so macht politisches Kabarett Spaß. Norbert Thomma schaut lieber "Neues aus der Anstalt" im ZDF als "Satire Gipfel" in der ARD.

Norbert Thomma
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Urban Priol und Georg Schramm.Foto: dpa

Großartige Zeiten sind das! Banken gehen pleite, Arbeiter fürchten um ihre Jobs, Politiker drehen durch, der Papst fährt nach Afrika und warnt die Ärmsten der Armen, doch bitte "nicht dem Materialismus zu verfallen" Da kann Urban Priol nur ätzen: "Was für eine Zielgruppe!", die sich der Pontifex Materialismus da ausgesucht habe. Die Themen fürs politische Kabarett, ja, die werden derzeit frei Haus geliefert.

Andererseits, was tun, wenn die Realität selbst schon so grotesk ist, dass man sich darüber schieflachen könnte? Roland Berger zum Beispiel. Der war jahrzehntelang der Guru der Wirtschaftsberater, ein Politikerflüsterer ersten Ranges, ein Hohepriester des freien Marktes und Missionar der Deregulierung - also einer, den man als Verursacher der heute maroden Verhältnisse an den Pranger stellen könnte. Und was geschieht? Der Mann soll Opel retten, mit Staatsknete womöglich. Das ist kapitalistischer Exorzismus, wie er auch Papst Benedikt gefallen dürfte. Absurd, eigentlich, aber in Zeiten wie diesen so normal, dass die Bürger nicht in schallendes Gelächter ausbrechen.

Zwischen diesen Polen einer eh schon bizarren Wirklichkeit und prima Witzvorlagen also bewegt sich politisches Kabarett, wie Urban Priol und Georg Schramm das in "Neues aus der Anstalt" wieder taten. Finanzwirtschaft, Opel, Althaus, Waffenbesitz, ZDF-Verwaltungsrat, Erika Steinbach, Sozialismus (s.a. Verstaatlichung), Neuwahlen ... - alles im Programm, was jüngst als Themen durch die Nachrichten irrlichterte. Und die beiden machen das prima. Weil sie grob sind, weil sie draufhaun, denn diese Zeiten vertragen keulenhaften Humor. Dieter Althaus, ein Ministerpräsident, der Wahlkampf aus der Tiefe eines Reha-Zentrums macht? "Zu schwach für eine Stellungnahme, aber stark genug für einen Dreiteiler in der Bild-Zeitung" (Schramm). Doch auch bei diesem Thema zeigt sich die Realität als fast übermächtig. Schramm sagt, er habe in der Zeitung "Freies Wort" gelesen: "Althaus bleibt Kurator für die Sicherheit im Skisport" - worauf Priol lustvoll heult, dies hätte er sich als Kalauer nicht ausdenken dürfen, ohne eine Flut von Leserprotesten zu provozieren.

Gerhard Polt als Gast der Sendung zeigt, welch ein Klassiker er ist ("soll ich den Hamlet spielen oder 150 Gramm Aufschnitt?"). In Bademantel, Socken und einem Strauß orangegelber Tulpen räsoniert er über einen Nichtschwimmer und den Vorwurf, er hätte diesen vor dem Ertrinken retten sollen. Warum eigentlich? "Wenn ein Nichtschwimmer ersauft, ist das nicht tragisch, sondern konsequent." Wieso denn die Kommune noch nicht darauf gekommen sei ("die wissen doch, dass in einem See Wasser ist!!"), den Teich zuzuschütten und einen Parkplatz daraus zu machen, denn, so Polt: "Noch nie ist auf einem Parkplatz ein Nichtschwimmer ersoffen."

Schramms Leidenschaft ist der historische Exkurs, und das geht bisweilen so schnell, dass das Publikum im Saal mit seiner Reaktion überfordert ist. Hitler und die SA, Heckler & Koch als deutsche Wertarbeit, vor genau zehn Jahren habe der Kosovo-Krieg begonnen. Das sei, höhnt er in Offiziersuniform, der größe Erfolg der rot-grünen Regierung gewesen, "tätige Reue für die deutsche Vergangenheit". Schön, dass mal wieder einer daran erinnert hat.

Das Duo Priol/Schramm wirkt bösartiger als der Zappelheinz Richling in der ARD, der als "Scheibenwischer"-Nachfolger nun Comedians ins Programm holen will, um das Politische damit durch Gekaspere zu ersetzen. Trotz gelegentlicher Banalitäten ("die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen") prasseln aus der Anstalt durchaus reinigende Gewitter.

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