Fernsehkritik : Schmidt ganz vorn, Pocher weit hinten - oder doch umgekehrt?

Wenn zwei sich streiten: Nana Heymann verteidigt Oliver Pocher gegen Harald Schmidt, gegen das Feuilleton und gegen Matthias Kalle, der seinerseits froh ist, dass "Schmidt & Pocher" nun vorbei ist.

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Allerletzte Worte. Dienstschluss für "Schmidt & Pocher".Foto: ddp

Am Ende ertrug er alles nur noch mit Gleichmut: die herablassende Behandlung, die ständigen Witze auf seine Kosten, die Seitenhiebe auf vermeintliche Bildungslücken. In der letzten, wirklich allerletzten Folge von „Schmidt & Pocher“ gab Oliver Pocher für Harald Schmidt den Chauffeur und kutschierte ihn eine Stunde lang durch die Kölner Innenstadt. Hier der kleine Pausenclown, da der große Late-Night-König, die Rollenverteilung war klar, und Pocher gab sich auch nicht mehr die Mühe, groß dagegen anzukämpfen. Schmidt lehnte sich zurück und gab Anweisungen, Pocher machte nur noch, wie ihm geheißen, und blickte nach vorn. Aus dem Auto heraus hielten die beiden einen Fußgänger an und ließen sich von ihm Pommes Frites mit Currywurst bringen, sie bestellten per Handy Sushi zum Mitnehmen und unterhielten sich mit zwei Reporterinnen des Internetvideomagazins „Ehrensenf“. Welchen Begriff er zuletzt gegoogelt hätte, wollte die eine von Pocher wissen. „Arschficktransen“, antwortete er und dass bei der Bildersuche in der Ergebnisliste Fotos diverser Medienmenschen zu sehen waren. Da musste selbst Harald Schmidt mal schmunzeln.

Wer sich heutzutage als Fan von Oliver Pocher zu erkennen gibt, der macht sich schnell so beliebt wie ein Tierquäler. Als Kasper und Hampelmann wird Pocher verhöhnt, meist vom so genannten Feuilleton. Niveaulos sei er und hätte einen begrenzten Horizont. Und warum, bitte schön, gingen in der letzten Folge die meisten Highlights des Rückblicks auf Pochers Konto? Die Bayern-WG, die Stauffenberg-Parodie, der übergewichtige Reporter Jochen Holm, das Speed-Dating, die – nie gesendete – Dalai-Lama-Parodie. So schlecht kann der Mann dann offensichtlich doch nicht sein.

Aber vielleicht ist das Problem ein ganz anderes gewesen: Dass da jemand junges und ambitioniertes kommt, mit Witz und Welpencharme und wenig Respekt vor den Hierarchien des öffentlich rechtlichen Fernsehens - und anderen schnell den Rang abläuft. Gegen einen wie Pocher wirkt der restliche ARD-Nachwuchs (zum Beispiel die vermeintliche Wunderwaffe Florian Silbereisen) noch älter, als er ohnehin schon aussieht. Mit dem Weggang von Pocher hat sich das Öffentlich-Rechtliche endgültig von seiner Jugend verabschiedet. Schade drum. Nana Heymann

Auch zum Schluss noch gescheitert

Schmidt sitzt hinten, er lässt sich fahren und schaut die meiste Zeit aus dem Fenster. Pocher fährt, durch Köln, in seinem Wagen und versucht sich mit Schmidt zu unterhalten, eine Stunde lang, die Dauer der allerletzten  „Schmidt & Pocher“ Sendung -, und scheitert dabei.

Pocher wirkte ähnlich bemüht wie in den vergangenen zwei Jahren während der Show – und Schmidt, bei dem manche Gelassenheit mit Langeweile verwechseln, ließ ihn machen, so wie bei der Autofahrt auch. Daraus entstand dann eine Art der Zappellei bei Pocher, die hilflos wirkte: kein Gag zündete richtig, und Schuld daran war nicht einmal Pocher, Schuld daran war Schmidt.

Bei dieser allerletzten Show wurde nämlich noch einmal eines ganz deutlich: die beiden haben sich nichts zu sagen, sie kommen nicht zusammen, nichts passt: Lebenswelt, Haltung, Interessen. Das fängt bei den Autos an: Pocher fuhr einen leicht protzigen Geländewagen, nicht mal hässlich, nur ein wenig unnötig – und eine andere Kamera war in Schmidts Auto integriert, damit fuhr das Team hinterher, ein Jaguar, klassisch, elegant. Und das hört bei der Musik auf: Als Pocher einmal Musik im Auto abspielte lief Modern Talking – eine Geste, die vor 15 Jahren als Ironie durchging; am Schluss der Sendung schaltete der dann das Radio ein, für Schmidt, er fragte, welchen Sender er denn höre, Schmidt antwortete: WDR 3, den Klassiksender.

All das war nicht einmal schlecht, es war stellenweise amüsant, vor allem aber war man nach dieser Autofahrt froh, dass es nun vorbei ist. Und vielleicht ist das ja wie in jeder anderen Beziehung auch: wenn man denn endlich feststellt, dass man so gar nicht miteinander kann, dann sollte man sich trennen, damit jeder einzelne glücklich werden kann mit sich alleine. Schmidt, so schien, war es bereits auf dieser Autofahrt. Pocher wird es wahrscheinlich bei Sat1 werden, es ist ja nicht so das wir, die wir immer auf der Seite des guten Geschmacks sind, ihm das nicht gönnen – ein Resttalent ist schließlich immer noch erkennbar. Wir setzen trotzdem auf das Alterswerk des Harald Schmidt, das im September beginnen wird, und wir sehen diese letzte Folge als das, was es war: das Ende einer Dienstfahrt. Matthias Kalle

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