Fernsehkritik : Steinmeier bei Will: Der Mann ist ein Verlierer

Ein erschreckendes Ergebnis bei der Europawahl gab es für SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier. Und dann musste er auch noch in der Polit-Talk-Sendung "Anne Will" leiden. Ein harter Tag, findet Matthias Kalle.

Matthias Kalle
Will_Steinmeier Foto: ARD
3,01 Millionen Zuschauer sahen Frank-Walter Steinmeier bei "Anne Will". Als Kanzlerin Merkel am 22. März zu Gast war, schalteten...Foto: ARD

BerlinDer Mann ist ein Verlierer, darin sind sich alle einig, vor allem nach Sonntag, nach der Europa-Wahl, nach den 21 Prozent – und nach Kerner, vor allem nach Kerner. In der vergangenen Woche nämlich saß Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerkandidat der SPD und amtierender Außenminister, mit seiner Frau in der Sendung von Johannes B. Kerner, und die, die das gesehen haben und angeblich „Ahnung“ haben, sagten danach, dass der Auftritt ein Fiasko gewesen sei, langweilig, bieder. Ihre Kritik meinte Steinmeier, nicht Kerner, da muss man auch erstmal drauf kommen. Und nun also saß der Mann, dem Fernsehtauglichkeit bereits komplett abgesprochen wurde, in der Sendung von Anne Will, kurz zuvor fragte Tom Buhrow in der Tagesschau den SPD-Chef Franz Müntefering, ob Steinmeier nicht mal langsam „Heißes Herz“ zeigen müsse – aber wieso sollte jemand etwas zeigen, was er nicht hat? Von Buhrow verlangt ja auch niemand, er solle man angeregt moderieren.

Von Anne Will, die ja nicht erst seit Sonntag eine Talkshow leitet, verlangt man allerdings, dass sie interessante Fragen stellt, Steinmeier fragte sie: „Mit wem spreche ich heute Abend? Mit dem zukünftigen Kanzler oder dem Oppositionsführer?“ Blöd, wenn man von einer Karte abliest und nicht von einer Wahrsagerkugel, Steinmeier klärte allerdings auf, in dem er darauf hinwies, dass er der Kanzlerkandidat der SPD sei – für einige durchaus ein Erkenntnisgewinn.

Nicht der einzige in der schwachen Sendung: Steinmeier kleidet sich tadellos – Anzug, Hemd, Krawatte – hat man alles schon schlimmer gesehen. Außerdem hatte der Mann eine Lässigkeit, die man ihm einerseits vorwerfen kann, die man aber zum Beispiel jemandem wie Gerhard Schröder in manchen Sendungen gerne gewünscht hätte. Dass sich Steinmeier diese Lässigkeit über die Dauer der Sendung bewahren konnte, verblüfft – vor allem, wenn man die Qualität der Einspielfilme beachtet, mit denen Will provozieren wollte. Die Einspielfilme holen sich die von Anne Will offensichtlich bei der Redaktion von „Hart aber fair“: Was witzig sein soll, erschlägt sich selbst mit der Ironiekeule, manches erreicht mühelos Stammtisch-Niveau, vor allem dann, wenn ein junger „Reporter“ bei einer SPD-Veranstaltung in Zweibrücken bei den dortigen Mitgliedern nach dem Charisma des Kandidaten fragt. Steinmeier nennt das einmal die „Karikatur eines Kommentars“ und empfiehlt sich dadurch als Medienkritiker.

Während man sich bereits vor Jahren darauf geeinigt hat, dass dumme Fußballerantworten meistens mit den dummen Reporterfragen zu tun haben, ist man in der politischen Berichterstattung noch nicht so weit. Obwohl die sich bei „Anne Will“ immerhin schon was vom Musikfernsehen abgeschaut haben: schnelle Schnitte, wirre Kamerafahrten, im Wechsel Will und Steinmeier in Großaufnahme, dabei vor allem Will skeptisch schauend – das ist Inszenierung von politischem Talk, aber politischer Talk ist das nicht, vor allem dann nicht, wenn Will immer dann, wenn Steinmeier einen Sachverhalt erklärt, sagt, dass sie darüber gerne gleich, später, nachher „diskutieren“ wolle.

Aber anscheinend nicht alleine, Will hat Hilfe im Studio, nämlich von einem Unternehmer, der aussieht wie „Bild"-Chef Kai Diekmann, und der die Staatsrettung von Opel überhaupt nicht gut findet, denn das seien ja alles seine Steuermilliarden. Ein scharfer Hund, der geht auf Steinmeier los, als habe Westerwelle ihn geschickt – aber wo ist Anne Will? Es scheint, als sei sie grad mal aufs Klo gegangen, für fünf Minuten ist die Sendung führungslos, als Will wiederkommt, ist die Sendung nur noch kopflos, denn sie fragt: „Wie schwer ist es gegen sich selbst und die eigene Partei Wahlkampf zu machen?“ Wie bitte? Wer macht denn so was? Steinmeier? Wusste er nicht, konnte er nichts zu sagen, aber zum Glück war noch ein Gast im Studio, ein Arbeitsloser aus Mecklenburg-Vorpommern, den Anne Will allen Ernstes fragt: „Wie sehr haben sie sich bemüht, Arbeit zu finden?“ Was sagt man da? „Och, eigentlich überhaupt nicht, im Fernsehen kommt ja dauernd was Interessantes?“

Zum Glück übernahm Steinmeier ab diesem Punkt die Sendung, fragte zielführend, unterhielt sich mit dem Mann, nahm ihn ernst. Dummerweise versprach er ihm am Ende dann, dass er sich kümmern werde, und dass Anne Will doch über Erfolg oder Misserfolg in einer der nächsten Sendungen berichten möge.

Wenn das nicht geht, dann vielleicht bei „Hart aber fair“. Oder bei „Kerner“. Das Leiden von Frank Walter Steinmeier dauert an. Wir leiden mit.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben