Fernsehkritik : "Tatort Internet" macht weiter nach Schema F

Schwungvolle Empörung statt stiller Sorge: Die Redaktion von "Tatort Internet" versucht nicht, etwas zu verändern oder den Kritikern gar entgegenzukommen.

Bernd Gäbler
Stephanie zu Guttenberg verwahrt sich gegen Kritik.
Stephanie zu Guttenberg verwahrt sich gegen Kritik.Foto: dpa

Was anfangs ein großer Aufreger war, ist jetzt fast schon Routine geworden. Die von der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg kraftvoll gestützte RTL-2-Sendung „Tatort Internet“ will – so die Eigendefinition - „aufklären“, „abschrecken“ und das „gesellschaftliche Bewusstsein verändern.“ Im Zentrum steht das sogenannte „Cyber Grooming“, also die Anbahnung sexueller Kontakte mit Minderjährigen via Internet. „Online-Täter“ nennt das Magazin die Menschen, die es dabei ertappt und vorführt.

Wie schon in den bisherigen Sendungen dröhnt die Musik, sind die Off-Kommentare dramatisch gesprochen und angsteinflößend getextet, ist der Moderator ein etwas hölzerner Gesinnungstäter und ungefähr die Hälfte allen Bildmaterials ist verpixelt. Groß ist der Krawall-Faktor. Zusätzlich zu den „Fällen“ wurde aus Augsburg von einem vergangenen Fall reportiert, in dem der Täter ein Nachbar und anerkannter Mann der Kirche war. Er wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. Etwas größeren Raum als zuvor nahmen diesmal Berichte über die Hilfe für traumatisierte Kinder ein. Dabei ist es fraglich, ob es dem Ansehen der Organisation „Innocence in Danger“ zuträglich war, dass die Gründerin Homayra Sellier so ausführlich zu Wort kam.

Ansonsten bleibt die Redaktion stur bei ihrem Schema F. Sie versucht nicht, den Eindruck zu erwecken, etwas zu verändern, den Dialog mit Kritikern zu suchen oder der Kritik gar entgegenzukommen. Selbstgewiss meint die Produzentin Danuta Harrich-Zandberg: „Hierzulande wird der Schutz der Täter diskutiert“. Dieser unfeinen Erledigung der Kritik durch Verdächtigung entspricht die Machart der TV-Sendung.

Wieder ging es um drei „Fälle“. Ein 46-jähriger Mann, der sich mit einem fiktiven 13-Jährigen via Chat verabredete, war als Kind selbst Opfer sexuellen Missbrauchs; ein 41-jähriger Mann will die fiktive 13-jährige Sarah unbedingt in seine Stadt lotsen; der dritte „Online-Täter“, ein 26-jähriger Schichtarbeiter, wird als „typisches Exemplar der Generation Internet“ vorgestellt – und immer wirkt es, als läge der Journalistin Beate Krafft-Schöning sehr daran, am Ende die so genannte „Konfrontation“ auszukosten.

In der vergangenen Woche kamen skeptische Lehrer vor, die natürlich rasch bekehrt wurden. Diesmal blieb es bei der missionarischen Verkündigung. Die Sendung lebt von der Illusion, es sei Sache der Aufklärer „zu überführen“, „Täter“ zu „stellen“ - und selbstverständlich wird auch das Urteil jeweils gleich mitgeliefert: „Der macht das wieder“, heißt es dann fachmännisch.

Ach, würde doch wenigstens einmal die tatsächliche Rechtslage dargelegt! Ginge es Sendung und Sender um Prävention, wäre ja alles Schrille sogar noch in Kauf zu nehmen, aber man merkt auch der neuerlichen Episode an: statt tiefer Sorge regiert doch vor allem die eigene schwungvolle Empörung.

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