Fernsehkritik : Unter der Bierdusche

Fußball schlägt Politik – wie das Fernsehen Bundespräsidentenwahl und Bundesliga-Finale inszenierte.

Bernd Gäbler
Magath
Feuchtfröhliche Meisterschaftsfeier.Foto: ZDF

Selbstverständlich hat die ARD-Tagesschau am Samstag um 20 Uhr als erste Meldung verkündet, dass Horst Köhler Bundespräsident bleibt. Sofort angehängt wurde aber die Meldung von der erstmaligen Deutschen Fußballmeisterschaft des VfL Wolfsburg – denn die war spannend.

Schon am Nachmittag hatte das ZDF ähnlich gehandelt. Als der frisch wiedergewählte Bundespräsident in der ZDF-Sendung „Was nun?“ zwischen 17 Uhr 17 und 17 Uhr 19 gerade etwas weitschweifig von seinen schönen Begegnungen mit den Menschen und dem Ideenreichtum der Bürger schwärmte, weswegen er seine zweite Amtsperiode unter das Motto stellen wolle: „Vertrauen für den Bürger“, wurde ein Laufband eingeblendet, das die Platzierungen von Wolfsburg, Bayern München und Stuttgart sowie den Abstieg von Bielefeld und Karlsruhe als Ergebnis des letzten Bundesliga-Spieltags verkündete. Dies hätte wie eine Missachtung des Bundespräsidenten wirken können, hätte dieser nicht wenige Minuten zuvor, von der ZDF-Moderatorin Bettina Schausten um Satzergänzungen gebeten, den Halbsatz: „Dass heute vielleicht mancher die Bundesliga interessanter fand als die Bundespräsidentenwahl ...“ schmunzelnd um ein „ist o.k.“ vervollständigt. Da sprach der Bundespräsident Wahres.

Obwohl beide Ereignisse in etwa so ausgingen, wie man es erwarten konnte, entfachte die Liga doch mehr Feuer. Schon in der dritten Minute der ARD-Sondersendung zur Bundesversammlung am Samstagmorgen kam Ulrich Deppendorf auf den Fußball zu sprechen – und mit einem Hinweis auf die Bundesliga beendete er sie auch. Zwischendurch hatte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) seine Hoffnung auf nur einen Wahlgang mit dem Wunsch, rasch ins Stadion nach Wolfsburg zu fahren, populär verbunden und ein ARD-Reporter sich sogar den Versprecher „Fußballweltmeisterschaft“ geleistet.

Weil Fußball die Sphären von Wettbewerb und Geselligkeit verbindet, ist er prädestiniert fürs Fernsehen. Fast schon überstrapaziert wurde das Nachdenken über Parallelen zwischen Fußball und Politik. Auch hier war nicht klar, wie es ausgeht, aber mitreißend war nur der Fußball. Die Wahl-Sendung hing lähmend lange durch und hat dann auch noch das Finale vermasselt.

Am Samstag war der Delling deshalb der glücklichere Deppendorf – nicht nur weil er mehr Material spannend verarbeiten konnte, sondern auch, weil er am Ende ausgiebig einen wahren Meister professionell präsentieren konnte. In hoher Eigenverantwortung und mit gezielten Investitionen, viel Arbeit, Ehrgeiz und am Ende kluger Zurückhaltung wurde der verdiente Star des Wochenendes: Felix Magath.

Zugunsten dieser klaren Inszenierung verzichtete die ARD-„Sportschau“ sogar darauf, künstlich Spannung zu erzeugen. Eine sogenannte „Konferenz“, also ein Hin und Her zwischen verschiedenen Stadien gab es berechtigterweise nur zum Abstiegskampf. Hier wendete sich ja auch – besonders für Bielefeld – jäh das Schicksal. Von den beiden Spitzenspielen Bayern München gegen Stuttgart und Wolfsburg gegen Bremen wurde dagegen artig nacheinander berichtet.

5,28 Millionen Zuschauer sahen dabei zu, was einem Marktanteil von 32,9 Prozent entspricht. Durchschnittlich hatten bei den Zusammenfassungen der 34 Fußball-Bundesliga-Spieltage 5,27 Millionen Zuschauer eingeschaltet (Marktanteil: 25,8 Prozent).

Schlechter als Felix Magath hat das Fernsehen am Samstag den Sieg Horst Köhlers in Szene gesetzt – bildete damit aber nur in Echtzeit ab, was die Bundesversammlung selber versemmelt hatte. Nach zähem Warten und endlosen Interviews mit stets den gleichen Fragen erklärte ARD-Mann Rainald Becker plötzlich aus dem Plenum: „Sie sehen die Musik kommen, das heißt, es gibt ein Ergebnis.“ So informell geriet die Verkündung des Wahlergebnisses.

Stets endet die Bundesversammlung mit der Nationalhymne. Der Einzug der Musiker musste also von den Versammelten wie vom Live-TV als Signal für das baldige Ende der Veranstaltung gedeutet werden. Nach dem ersten würde es also keinen weiteren Wahlgang geben; Horst Köhler hat es geschafft. Diese Nachricht kleckerte in die Live-Sendung hinein. Endlos sah man dann den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert vor der Tür auf Köhlers Ankunft warten. Da war es dann schon beinahe lustig, wie das Fernsehen die Zuschauer gründlich daran teilhaben ließ, wie Saaldiener eilig Blumensträuße brachten, die dann wiederum hektisch unter Bänken verstaut wurden. „Was alle erwartet hatten ... knappmöglichstes Ergebnis ... sagt wenig für die Bundestagswahl“, so klar geriet dann Deppendorfs Interpretation der 613 Stimmen für Horst Köhler in der Tagesschau. Nüchtern wurde Köhlers Sieg registriert, bei einer angeblichen neuen schwarz-gelben Verheißung spielte das Fernsehen nicht mit. Er steht für solide Kontinuität.

Der Fußball dagegen hat Neues gebracht: ein Verein, der erst nach dem Krieg gegründet wurde, worauf jeder Reporter hinwies, wird erstmals deutscher Meister – geformt von einem allmächtigen Manager-Trainer Magath, finanziert von VW. „Der beste Sturm“, „Magisches Dreieck“, „grünes Fahnenmeer“ und „Bierdusche“ hießen die emotionalen Reportervokabeln. Und doch ist diese Meisterschaft auch ein Politikum. Jetzt erst ist diese Ortschaft, die 1938 künstlich als „Stadt des KdF-Wagens“ bei Fallersleben gegründet wurde, endlich ganz in der Bundesrepublik angekommen. Das erzählen Sportjournalisten nicht.

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