Medien : Fernsehkritik: Von der Wahrheit die Hälfte

Bernd Ulrich

Vielleicht lag es an den sterbensschönen Suiten von Bach, die immerzu in diesem nicht schlechten, aber schlichten Film zu hören waren. Vielleicht auch an der ausgezeichneten Dokumentation, die im Anschluss an "Kelly Bastian" im WDR-Fernsehen zu sehen war. Oder daran, dass die Ausstrahlung von Petra Kelly zu Beginn der 80er Jahre bezwingender war, als es in einem Film darstellbar ist. Jedenfalls blieb am Schluss ein schales Gefühl. Man hatte zwei Schauspieler gesehen, die das Unglückspaar Petra Kelly und Gert Bastian suggestiv und glaubwürdig nachspielten: die private Tragödie, die Isolation eines unverheirateten Ehepaares, schließlich den gewaltsamen Tod der beiden. Doch fehlte fast ganz die Politik und damit das, was für Petra Kelly stets lebensfüllend, ja lebensüberfüllend war. Die Partei, die sie mitgegründet hatte und die mit ihr fünf Jahre später nur noch wenig anzufangen wusste, kommt in dem Film von Andreas Kleinert als bloße Karikatur vor. Doch was immer man gegen die damaligen Grünen sagen kann - gewiss nicht wenig -, sie waren keine reine Freakshow von strickenden, stillenden und rauchenden Neidern.

Der Tragödie zweiter Teil sah in Wirklichkeit so aus: In Petra Kellys Art, Politik zu machen, lag so etwas wie ein früher Globalismus des Herzens, es war ein tollkühner Sprung aus dem Links-Rechts-Ost-West-Schema, es war der Versuch, das Ganze zu denken und zu fühlen. Und zwar sofort. Über ihr lag ein utopischer Glanz, sie war der personifizierte Urmythos der Partei. Natürlich musste Petra Kelly damit scheitern. Das ist den Grünen nicht vorzuwerfen. Auch noch nicht, dass sie sie politisch haben verhungern lassen, denn Petra Kelly war in ihrem überdrehten Altruismus nicht satt zu kriegen. Aber das: Die Grünen haben ihr und ihrem Wachmann Bastian keinen würdigen Ausweg ins Halbpolitische gewiesen, keine leidlich bezahlten Ehrenämter, kein Europa-Mandat. Stattdessen hat man sich durch das Nichtmehr-Wahrnehmen dieses immer traurigeren Paares der Erinnerung an die idealistische Phase der Grünen entledigt. Das oft abgezockte Tagesgeschäft konnte solche Sentimentalitäten nicht mehr brauchen.

Dass Petra Kelly gescheitert ist, war unausweichlich. Wie sie gescheitert ist, wirft Fragen auf, auch Schuldfragen, die nicht privater Natur sind, sondern politischer. Das Private ist politisch, so sagte es Petra Kelly, so stimmte es auch bei ihr. Ein ganzer Fernsehabend für die halbe Wahrheit.

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