Fernsehkritik : Wahl-TV: Lindenstraße, kein Tatort

Die Wahl und ihr Fernsehen: Woran-hat’s-gelegen-Fragen und Reporter als Partei-Klone

Joachim Huber
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Erst wählen, dann fernsehen. Angela Merkel lief durch alle Programme. Foto: dpadpa

Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier waren jeder „Elefantenrunde“ im TV-Wahlkampf ausgewichen. Das war, auch an dieser Stelle, heftig kritisiert worden. Nun also die „Berliner Runde“ aller Spitzenkandidaten, parallel in ARD und ZDF übertragen: mehr Fingerhakeln als harte Diskussion, ein Gran Zoff, Stilkritik, eher Nach-Wahlkampf als Zukunftsschau. Die Chefredakteure, Thomas Baumann (ARD) und Nikolaus Brender (ZDF), wollten schon, aber die Kombattanten wollten nicht so richtig. Erschöpfung stand in den Gesichtern. Die neue Regierung aus Schwarz und Gelb sucht noch ihre Rolle, die Opposition mit dem neuen SPD-Anführer Frank-Walter Steinmeier ist schon weiter. Dass die ARD danach die „Lindenstraße“ zeigte und keinen „Tatort“, das passte ins Bild. Diese Spitzenrunde wird nicht in die Geschichte der „Elefantenrunden“ eingehen.

Das Wahlfernsehen hatte es eigentlich leicht an diesem Abend. Schon die Prognose gab über alle Sender klare Verhältnisse, Sieger und Verlierer vor. Über die krachende Niederlage der Großkoalitionäre (insbesondere der SPD), über den Triumph der Opposition (vorneweg die FDP) musste nicht gerätselt werden, kein Wahlforscher in die Glaskugel schauen. Wenige Minuten nach 18 Uhr ging es in die Aufarbeitung des Regierungswechsels. Gut aufgestellt waren sie beide, die öffentlich-rechtlichen, aber auch die großen privaten Programme. Die Bundestagswahl bekam dabei etwas von einem durchschnittlichen Bundesliga-Spieltag. Angeführt von dem immergleichen Ulrich Deppendorf, dem Chef des ARD-Hauptstadtstudios, prasselten allerorts die allfälligen Woran-hat’s-gelegen-Fragen. Mal lag das ZDF einen Tick vorne, als der Sender zuerst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) präsentieren konnte, mal war die Konkurrenz schneller, wenn es um die wichtigen Live-Schalten in die Parteizentralen ging. Sagenhafte Unterschiede waren nicht zu vermelden, „historische Verluste“ und das „historische Ergebnis“ für die FDP hatte jeder bemerkt. Wer auch immer im SPD-Hauptquatier stand, der hatte, sorry, die „Arschkarte“. Von den Partei-Granden war außer Frank-Walter Steinmeier – ein einziger Auftritt – und Franz Müntefering – ein paar Auftritte mehr – kaum einer vor die Kamera zu bekommen. Die bestätigte Kanzlerin Angela Merkel schaffte es dagegen, binnen kurzem in sämtlichen Programmen ihr Mantra („Kanzlerin aller Deutschen“) zu platzieren.

Für Feinschmecker der Wahlberichterstattung blieb Zeit für eine bemerkenswerte Beobachtung: Es gibt eine erkennbare Osmose zwischen Berichterstattern und Parteien. Welcher Reporter auch immer in welcher Zentrale stand, der war quasi in die jeweilige Stimmung hinein geschlüpft. Bei der SPD tiefes Moll, bei der FDP Juchzen in der Stimme, Peter Hahne vom ZDF verarbeitete sichtbar zufrieden einen Unionisten nach dem anderen. Die Reporter agierten wie Partei-Klone. Nebenbei: Sollte die FDP jemals eine Doppelgängerin für Sabine Leutheusser-Schnarrenberger suchen, empfehlen wir RTL. Die beste Laune verbreitete Sat 1 mit dem tollsten Live-Platz hoch oben auf dem Reichstag: Mal das Doppel Sabine Christiansen/Stefan Aust, mal Michel Friedman/Hajo Schumacher. Gerade das Männer-Duo schaffte es bis zur Clownerie, gerade Schumacher gefiel sich in seiner einer Lieblingsrolle: das vorlaute Boxenluder der Berliner Republik.

Die ARD als Summe ihrer Landessender informierte am intensivsten über die Landstagswahlen in Brandenburg und in Schleswig-Holstein. Bei RTL wollte Touchscreen-König Peter Kloeppel nur noch mit Handzetteln die Ergebnisse in den Ländern verabreichen. Das Fernsehen und die Politik waren einander wert an diesem Abend. Ein Weiter-so.

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