Fernsehkritik : Wales - Deutschland live: Öde Ohrfeige

Manchmal sollte ein Fußballreporter nicht alles abrufen, was auf seiner Festplatte gespeichert ist. Helmut Schümann über Steffen Simon und seinen Live-Kommentar zum Spiel Wales gegen Deutschland.

Helmut Schümann
Wales - Deutschland
Streit im Team. Podolski geht auf Ballack los. Mertesacker geht dazwischen.Foto: AFP

Der Prinz schlägt, ja glaubt man´s denn? Michael Ballack mitten ins Gesicht, eine Ohrfeige. Steffen Simon, der ARD-Mann in Cardiff beim WM-Qualifikationsspiel Wales gegen Deutschland, hat es gesehen, es aber weitgehend bei den Bildern ge- und den Kollegen mit dem Feldmikrophon überlassen, den Affront des Prinzen Lukas Podolski per Nachfrage zu erforschen.

Nicht, dass das weiter schlimm wäre, mitunter passt sich so eine Live-Reportage kongenial an das an, was sie reportiert. Und warum soll Steffen Simon Funken schlagen, wenn die Männer auf dem Rasen auch nur ihre Pflicht erfüllen, glanzlos, humorlos, brav? Wie das Geschehen, so der Reporter, glanzlos, humorlos, brav. Man kann das ja für eine Tugend halten, dass der Reporter beim Fußball seine eigene Stimmung für sich behält, man kann aber auch einschlafen.

Was soll er berichten, was sagen zu einem ereignisarmen Spiel, dessen Außergewöhnlichkeit sich erschöpft in Podolskis Ohrfeige und einem Tor, das eins war, aber den falschen Torschützen hatte?

Einen kleinen Höhepunkt hatte das gestrige fußballerische Gesamtwerk der ARD indes doch noch. Vor dem Spiel, als sich der gute Günter Netzer an der Seite seines Gerhard Delling ein wenig im Wald verlief und den zuschauenden Laien die Spezie Torjäger erläuterte. „Torjäger“, sagte der ewige Netzer, „sind Spezialisten, die monatelang das Tor nicht treffen. Daran werden sie gemessen.“ Gut möglich, dass er etwas anderes meinte, aber Mario Gomez hielt sich im Folgenden dann doch ans gesprochene Wort: Er traf das Tor nicht. Stattdessen seinen Gegenspieler, der erledigte dann den Job von Gomez.

Und was war in diesem Moment der Job von Steffen Simon? Richtig, er merkte an, dass vom glücklosen Stürmer nun eine Tonnenlast abfiel, dass man ihm ansah, wie ein Knoten geplatzt sei, was man halt so sagt, was eben auf der Festplatte gespeichert ist für solche Momente. Und wenn sie gar nicht stattfinden diese Momente, weil Gomez ja mitnichten ein Tor erzielt und keine Erlösung gefunden hat, und sein Gesichtsausdruck allenfalls lächelndes Staunen verrät und keineswegs Erleichterung? Dann sagt man Tonnenlast, geplatzter Knoten, weil auch auf der Festplatte von Steffen Simon Flexibilität nicht programmiert ist. Und trotzdem, ihm gebührt, mit Blick ins sich leerende Stadion das Schlusswort: „Die Spieler sind raus, die La Ola ist fertig.“ Das stimmte und war die treffende Bilanz eines öden Fußballabends.     

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