Medien : Fernsehmarkt Deutschland: Konzern-Fernsehen

Joachim Huber

Die deutschen Fernsehsender sollen in Zukunft einen jährlichen "Produzentenbericht" erstellen, um ihre Auftragsvergabe transparent zu machen. Diese Forderung erhebt eine aktuelle Studie der Kölner Medienberatung HMR International zum "Fernsehmarkt Deutschland". Sie sagt aus, dass die beherrschenden Medienkonzerne Kirch und Bertelsmann auf die deutsche Fernsehproduktion immer stärker "direkt durchgreifen". Die Szene der unabhängigen mittelständischen Fernseh-Produzenten "trocknet langsam, aber sicher aus", sagt HMR-Geschäftsführer Lutz Hachmeister. Medienkonzerne hätten an einer weitgehend unabhängigen Produzentenszene wenig Interesse und würden vor allem auf eine "durchrationalisierte, ökonomisch kurzfristig profitable und geschlossene Wertschöpfungskette" abzielen. Die öffentlich-rechtlichen Sender würden sich ähnlich verhalten, wenn sie über Auslagerungen oder Allianzen mit Konzernen mehr mit sich im Geschäft bleiben als mit unabhängingen Produzenten ins Geschäft kommen wollen. Der unter den Medienstandorten ausgetragene Wettbewerb, mit staatlichen Fördermitteln immer weiter angeheizt, hätte zwar zu kurz- und mittelfristigen Infrastruktur-Effekten geführt, nicht aber zum Aufbau einer nachhaltig leistungsfähigen, mittelständischen Film- und Fernsehindustrie.

Vor wenigen Tagen hatte der Berliner Senatssprecher Michael-Andreas Butz im Tagesspiegel-Interview geäußert, dass Produzenten, die weder konzerngebunden arbeiten noch von Fernseh-Veranstaltern beherrscht werden, an den Rand gedrängt würden. Butz forderte eine im Rundfunkstaatsvertrag fixierte "Schutzklausel", was die Auftragsvergabe von ARD und ZDF angeht. "Diese Schutzklausel könnte ihnen verbindlich aufgeben, einen bestimmten Anteil ihres Produktionsvolumens, zum Beispiel mindestens 25 Prozent, an unabhängige Produzenten zu vergeben." Für derartige Regelungen zur Stärkung der Marktvielfalt gebe es Vorbilder in Ländern wie Frankreich und Großbritannien, sagte Butz.

Auch die HMR-Studie stellt eine Marktenge fest, verbunden mit einer nachlassenden Entscheidungskompetenz im Management der kommerziellen TV-Stationen. Dort nehme "die strategische Steuerung der Produktion durch konzernintegrierte Stabsstellen" zu. Dies trage in der Regel nicht zur Programmqualität bei. Hachmeister nennt als Beispiele die Misserfolge des Axel-Springer-Verlages bei der Fernsehproduktion ("Newsmaker" für Sat 1), den Verkauf der Bertelsmann-Tochter "Gruner & Jahr TV" an das Berliner "Medienkontor" (Produzent der ARD-Talkshow "Sabine Christiansen") oder die Management-Versäumnisse beim Aufbau der Sender Vox und Premiere.

In der HMR-Prognose wird auch größeren Drittanbietern wie Brainpool, Endemol oder Kinowelt zunehmender Wettbewerbsdruck durch die Medienkonzerne vorhergesagt: Durch sogenannte "In-Sich-Geschäfte" wollten die Konzerne Formate selbst produzieren, in ihren Senderfamilien umfassend vermarkten und gleichzeitig die Werbevermarktung dominieren. Diese "vertikale Integration" von TV-Produktion, Sender-"Outlets" und Mediaplanung im Konzernverbund beeinträchtige die Vielfalt der Produzentenlandschaft in Deutschland. Günstige Perspektiven für kleinere und mittlere Produzenten böten nur nur noch Nischen wie Dokumentationen oder hochrangiges Qualitäts-Fernsehen.

Angesichts der gefährlichen Konzentrationsbewegung auf dem Produzentenmarkt käme der Auftragsvergabe durch öffentlich-rechtliche Sender besonders Gewicht zu, heißt es in der Untersuchung. Außerdem müsse der Wert einer leistungsfähigen, unabhängigen Produktionswirtschaft von der Politik "endlich erkannt und ernst genommen werden", sagt Hachmeister.

Von den 15,3 Milliarden Mark Umsatz der öffentlich-rechtlichen und kommerziellen Sender in Deutschland wurden in den Geschäftsjahren 1999/2000 rund 4,6 Milliarden (30,1 Prozent) in direkte Auftragsproduktionen gesteckt. Von den zehn umsatzstärksten Produzenten in Deutschland sind nur noch zwei (Otto Meissner KG, Producers AG) von den Sender-Formationen unabhängig. Von den 2,7 Milliarden Mark Umsatz, die die 20 größten Firmen erzielen, werden 86 Prozent in konzerngebundenen Unternehmen erreicht. Die führenden Produktionsgruppen sind laut HMR-Studie die UFA (Bertelsmann/RTL-Group) mit 566 Millionen Mark Umsatz, die Produktionsfirmen der Kirch-Gruppe (355 Millionen), sowie die öffentlich-rechtlichen Töchter Bavaria vom WDR (315 Millionen) und Studio Hamburg vom NDR (198 Millionen).

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