Medien : Fernsehmuseum: Winnetou

Uta-Maria Heim

Wenn Pippi vor dreißig Jahren auf einem Besen ritt, sah man sofort: Hier wurde geschummelt. Dann haben uns die Eltern erklärt, dass das ein Trick ist und wie der gemacht wird. Wenn Harry Potter heutzutage auf einem Besen reitet, weiß jedes Kind, dass das ein Trick ist, obwohl alles echt aussieht und kein Mensch erklären kann, wie das gemacht wird. Das ängstigt uns. Daher neigen wir dazu, unsere Kindheit zu verklären. Doch dass im prävirtuellen Zeitalter weniger Gewalt im Programm war, ist eine der beliebtesten Fernsehlügen der heutigen Elterngeneration. Schlagendes Beispiel: "Winnetou" mit Pierre Brice - die Karl-May-Verfilmung aus den 60ern steht für gefühlvoll- sentimentale Schülerunterhaltung, empfohlen ab zwölf (Teil1) beziehungsweise sechs Jahren. Angeblich stehen Hass, Versöhnung, Liebe und Tod im Mittelpunkt, aber schauen wir uns die drei Hauptteile ruhig nochmal an: Da wird gesoffen, geschossen und gestorben, was das Zeug hält. "Winnetou" ist die notdürftig verklärte Darstellung eines brutalen, aussichtslosen Kriegs. Dieser deutsche Western verweigert nach einem gnadenlosen Showdown sogar das Happy-End: Im ersten Teil sterben Winnetous Vater und seine Schwester, im zweiten Teil muss Winnetou seine schöne Braut an einen weißen Offizier abtreten, und im dritten stirbt der Apachen-Häuptling durch die Kugel eines feigen Verbrechers, was den dauerhaften Frieden zwischen Weißen und Rothäuten verhindert. Der Regisseur Harald Reinl zeigt die absurde, fatalistische Grausamkeit des Daseins in einem wahrhaft Beckettschen Ausmaß. Wie sind wir über diesem Trauma nur erwachsen geworden? Ganz einfach: All die edlen, wertvollen Szenen, an die wir uns Jahrzehnte später erinnern, kommen im Film so gut wie gar nicht vor! "Winnetou" beweist:Durch eine klassische Fehlleistung des Gedächtnisses wird man mitunter sogar ein besserer Mensch.

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