Fernsehpreis : Die Leiden des jungen Jurors

Fernsehfilm-Festival Baden-Baden: Fünf Tage im Rausch der Filme und Diskussionen. Ein Tagebuch.

Moritz Rinke
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Qual der Wahl. Die nominierten Filme wie „Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben“ mit Matthias Schweighöfer (großes Bild, links), „Frau...3sat

Ankunft in Baden-Baden! Ich muss unbedingt zum Grab von Turgenew! Vielleicht gehe ich auch in die berühmte Spielbank, in der Dostojewski saß.

1. Tag: Ich selbst bin in Baden-Baden, weil ich mir als Juror beim 21. Fernsehfilm-Festival „herausragende Produktionen“ anschauen soll. Den Preis vergibt die Deutsche Akademie für Darstellende Künste, da bin ich Mitglied, sonst würde es auch keinen Grund geben, ausgerechnet einen wie mich zu fragen, der den Fernseher eigentlich nur einschaltet, wenn Werder Bremen spielt.

Im Flugzeug nach Karlsruhe saßen drei sehr schöne blonde Frauen vor mir und ich bin wirklich erstaunt, dass sie nun sogar bei mir auf der Etage im berühmten Brenner’s Hotel wohnen, die drei sind nämlich auch in der Jury. Baden-Baden wird interessant, denke ich mir. Aus dem Auto von Festivalleiter Karl-Otto Saur konnte ich nichts von der Kurstadt sehen, nur Nebel. Abends beim Empfang erzählt der Bürgermeister, wie gut es Obama in Baden-Baden gefallen habe.

2. Tag: Ich laufe an der Oos entlang ins Kurhaus. Dort werden alle zwölf Filme gezeigt. Es beginnt mit „Todsünde“ des ZDF nach einem Roman von Friedrich Ani, den ich vom Fußball kenne, der hat mal in meiner Mannschaft gespielt, da bin ich schon mal parteiisch. Der Film ist eine Art Krimi, in der ein Kommissar als ehemaliger Mönch auftritt, um das Böse zu ergründen, aber am Ende verstehe ich immer noch nicht, wer der Mörder war und warum der Kommissar seine Assistentin aus irgendwelchen biblischen Gründen küsst. In der anschließenden öffentlichen Jury-Diskussion lobe ich trotzdem Friedrich Ani, das ist man sich unter Mannschaftskollegen schuldig.

Fünf Minuten später kommt der nächste Krimi („Schatten der Gerechtigkeit“). Ich finde die Sat-1-Produktion mit Yvonne Catterfeld so fürchterlich, dass ich mir die ganze Zeit während des Films überlege, wie ich es anschließend öffentlich sagen soll. Und vor lauter Nachdenken weiß ich schon wieder nicht, wer der Mörder war.

Fünf Minuten später bin ich schon im Leben von Marcel Reich-Ranicki (Genre: „Bio-Pic!“), in dieser irren Spannung eines Mannes zwischen der Liebe zum Deutschen bei gleichzeitiger Abscheu. Matthias Schweighöfer spielt das wundervoll, obwohl eigentlich immer noch Yvonne Catterfeld über mir kreist und ich ein schlechtes Gewissen habe wegen Friedrich Ani.

Pause. Ich habe 20 Minuten, bevor es mit dem nächsten „Bio-Pic“ weitergeht (Jessica Schwarz als Romy Schneider). Ich überlege, ob ich es zum Grab von Turgenew schaffe. Abends in der Brenner’s Hotelbar sind alle Filmleute, und ich verstecke mich in der Ecke, damit mich die Sat-1-Leute vom „Schatten der Gerechtigkeit“ nicht finden.

3. Tag: 8 Uhr. Ich bin total müde und bestelle ein Fünf-Minuten-Ei, aber ich habe für das berühmte Brenner’s-Frühstück, das sogar Angela Merkel beim Nato-Gipfel lobte, nicht mal die fünf Minuten, ich muss also ohne Ei los. Gleich beginnt „Gonger – Das Böse vergisst nie“ von Pro Sieben. Ein im Watt ermordetes Kind kehrt zurück, um die Enkel seiner Mörder grausam im Nebel umzubringen, es ist ein bisschen wie bei Karl-Otto Saur im Auto. Ich finde den Film so gruselig, dass ich nicht mehr hingucken kann. Auf dem anschließenden Podium gestehe ich, dass ich Waldorfschüler war und vermutlich deshalb noch unter Schock stehe. Der Produzent meldet sich zu Wort und sagt, dass er auch Waldorfschüler gewesen sei und deshalb solche Filme mache. Während der Diskussion schaue ich irritiert nach unten, weil eine Zuschauerin aussieht wie Romy Schneider in alt und mich anlächelt, als sei ich Alain Delon.

Fünf Minuten später geht es um die Präimplantationsdiagnostik bei BR/NDR („Die Drachen besiegen“). Der Film über eine Mutter, die ihr leukämiekrankes Kind durch künstliche Zeugung retten will, weil sie keinen geeigneten Knochenmarkspender findet, berührt mich. Mein Gott, endlich, nach dem fünften Film bin ich berührt und rufe sofort auf dem Podium meinen Favoriten aus, was einige meiner anderen Jury-Mitglieder so sehr in Stellung bringt, dass sie plötzlich über den Film herfallen, vermutlich haben sie andere Favoriten. Taktischer Fehler, denke ich, als Jury-Mitglied darfst du nicht sofort deinen Favoriten ausrufen!

Ich renne schnell ins Brenner’s, um mir die fehlenden Pressemappen für „Halbes Leben“ (ORF) und „Frau Böhm sagt Nein“ (WDR) zu holen, doch neben meiner Zimmertür warten zwei finster dreinblickende riesige Männer und kauen Kaugummi. Ich renne zur Rezeption und frage: „Wer sind die Männer vor meinem Zimmer, sind die von Sat 1?“ „Nein, das sind Leibwächter eines russischen Gastes.“ Neben mir wohnt ein Oligarch, vermutlich ein Ölmagnat, davon wimmelt es ja nur so in Baden-Baden.

„Frau Böhm sagt Nein“ gefällt mir ausgezeichnet. Es geht um die Unternehmenswelt der Manager, der gierigen Vorstände und um eine alte Sekretärin, die in ihrem alten Mantel durch die hochpolierten Etagen läuft wie die Jeanne d’Arc der Globalisierung. Ich rufe auf dem Podium allerdings schon wieder meinen neuen Favoriten aus, als ob ich keine Lehren aus meiner Begeisterung für „Drachen besiegen“ gezogen hätte!

Abends in Brenner’s Bar sitze ich in meiner Ecke und überlege, ob es überhaupt möglich ist, sich als Jury-Mitglied Filme anzusehen und wahrzunehmen mit Herz und Seele, während man sich im Vorführsaal die ganze Zeit glänzende Urteile überlegt, um 30 Sekunden danach auf dem Podium zu bestehen.

4 Tag: Ich bestelle ein Drei-Minuten-Ei, weil ich schnell zum „Flug in die Nacht – Das Unglück von Überlingen“ muss (SF/SWR). Ich renne wie ein Irrer an der Oos entlang und frage mich, warum ich eigentlich weniger Zeit in Baden-Baden habe als Obama beim Nato-Gipfel.

Während ich das Überlingen-Drama sehe, erinnere ich mich an meinen Josef-Hader-Traum als Frauenmörder in „Ein halbes Leben“. Am Vortag hatte ich nicht mehr die emotionale Kraft gehabt, mich auch noch empathisch in die Mörderfigur hineinzuversetzen, so dass es jetzt wohl in der Nacht geschah.

Das Überlingen-Drama verstört mich. Muss man das fiktional bebildern? Will ich das auserzählt bekommen? Sind die Toten nicht noch viel zu nah, um sie gleich in den Fernsehformaten zu versenden und sich damit für Preise zu bewerben? Als am Ende des Films der russische Mann, der seine Familie bei dem Unglück verlor, auf den Fluglotsen einsticht, ihm immer wieder das Messer in den Bauch rammt, verliere ich die Nerven. Auf dem Podium bezeichne ich die gesamte Filmbranche als „Blutsauger“, als „Gewinner einer Nahrungskette“, an deren Beginn aber das noch längst nicht verarbeitete Grauen von Menschen steht. Allerdings wird mir sehr schnell klar, dass ich auf dem Podium genauso dazugehöre.

Bei dem Podium zum „Mogadischu“Film (ARD) merke ich, dass ich nun schwerlich hinter meine BlutsaugerGrundsatzkritik zurückkann, obwohl der Film hervorragend gemacht ist. Dennoch frage ich, ob es denn nötig sei, die Schauspieler zehn Tage in eine Lufthansa-Maschine einzusperren, damit sie möglichst authentisch fühlen und leiden. Ich lese aus dem Presseheft vor, wo überall steht, wie stolz man darauf sei, während der Produktion so gelitten zu haben, quasi Mogadischu-like. Danach beschimpft mich die Produzentin. Und sagt einen Begriff, den ich mir merken werde wie „Bio-Pic“. „Das Mogadischu-Drehbuch war ein Text-Turner!“ So sagt man jetzt in der Branche, ein spannendes Buch ist also ein „Text-Turner“!

Fünf Minuten später bin ich im Nachkriegsdeutschland in „Ein Dorf schweigt“ (ZDF). Es geht um Flüchtlinge, Denunzianten, Heimkehrer. Danach diskutieren das Podium und der Saal, ob nicht die Schauspieler verhungerter auszusehen hätten und ob das Gras damals wirklich so grün gewesen sei. Ich kann nicht mehr folgen. Ich renne danach aus dem Saal. Ich will zu Turgenew, aber vor einer Baden-Badener Boutique sehe ich Günther Netzer mit zwei blonden Frauen! Lebt der wie Turgenew in Baden-Baden? Vom Gefühl ist es so, als müsste ich sofort zu ihm stürmen und mit Netzer das Länderspiel für die ARD kommentieren, so sehr bin ich schon im Jury-Wahn.

Abends in Brenner’s Bar sitze ich in der Ecke. Mein Kopf ist voll mit Krimis, Bio-Pics, Präimplantationsdiagnostik, Bonus-Zahlungen, Grusel-Nebel, Überlingen, Mogadischu, Flüchtlingen, Denunzianten, Heimkehrern, Frauenmördern. Eine Produzentin will meine Biere bezahlen und ich denke sofort an „Frau Böhm sagt Nein“ und dass ich eigentlich widerstehen müsste in dieser globalisierten Filmwelt!

5. Tag: Ich habe überhaupt nicht mehr geschlafen und bestelle auch kein Ei mehr. Ich warte jetzt die finale Jury-Sitzung ab. Und da werde ich ganz vorsichtig meinen absoluten Favoriten entfalten. Er heißt „Haus und Kind“ (Arte/BR). Dieser Film ist komisch, ernst, still, schräg, böse, herzlich, männlich, weiblich und wahr. Und nicht teuer. Und sogar die „Mogadischu“-Produzentin lachte an den Stellen, an denen auch ich lachte. Was für ein Frieden plötzlich. Außerdem fragt in dem Film eine der Hauptfiguren: „Ist es besser, über vieles wenig zu wissen oder über weniges viel?“ Kluge Frage.

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