Fernsehprojekt : Wer wir sind

5. September 2008: Für das Projekt "24hBerlin“ wird die ganze Hauptstadt zum Fernsehstudio. Wir erleben die größte Überwachungsaktion der Geschichte.

Joachim Huber
Berlin WIR
Das ganze Bild. Das Fernsehprojekt "24hBerlin. Ein Tag im Leben". -Foto: Triad/Ostkreuz

Am 5. September 2008 steigt die größte Überwachungsaktion, die Berlin je erlebt hat. 80 Kamerateams werden ausschwärmen, um den Hauptstädter von sechs Uhr morgens an 24 Stunden lang ins Objektiv zu nehmen. Was nach „Big Brother“ klingt, ist ein gewaltiges Fernsehprojekt von Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) und Arte. Anstifter von „24hBerlin. Ein Tag im Leben“ ist Volker Heise, Regisseur von Living-History-Formaten wie „Schwarzwaldhaus 1902“. Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer solle gezeigt werden, „wer wir sind“, beschrieb Heise bei der Pressekonferenz am Freitag das dokumentarische Ziel. Fern von Habitus und Ästhetik eines Werbefilms werde der Fokus auf den Alltag der Berliner gerichtet, „die Teams gucken, wie leben die Leute“. Der künstlerische Leiter sprach von einer „ethnologischen Expedition“, selbst der Tod soll seinen Auftritt haben.

Warum ausgerechnet der 5. September? Heise sagt, ein Freitag sei halb Arbeitstag, halb Wochenende, ein früher Septembertag garantiere lange Helligkeit, die Schulserien seien zu Ende gegangen – „wir haben einen ganz normalen Tag gesucht“. Der Drehtag folgt einem großen Drehplan. In den nächsten Tagen und Wochen werden die Mitarbeiter von zero one film Drehplätze suchen, Drehgenehmigungen einholen, die Arbeit von 65 Regisseuren koordinieren. Kernstück von „24hBerlin“ werden 15 bis 20 Personen zwischen Oben und Unten, Ost und West, Unbekannt und Prominent sein, deren Erlebnisse exemplarisch für 3,4 Millionen Berliner und die Milieus der Hauptstadt stehen werden. Einer ist schon gecastet, heißt Klaus Wowereit, ist Regierender Bürgermeister und begeistert vom „einmaligen Fernsehvorhaben“. Berlin, fordert Wowereit, soll mitmachen, und jeder Berliner soll mitmachen mit seinen Möglichkeiten, seinen Hoffnungen, seinen Ängsten.

Die Ambition, eine Metropole mit einer 24-Stunden-Beobachtung und rund tausend Stunden Drehmaterial in den Griff zu bekommen, die Geschichte einer Stadt in eine Medienerzählung zu überführen, diese Ambition lockt. Zu den Regisseuren gehören Größen wie Andres Veiel („Black Box BRD“) oder Romuald Karmakar („Hamburger Lektionen“). Das Medienboard Berlin-Brandenburg beteiligt sich an den geschätzten Kosten von bis zu drei Millionen Euro, dazu ließen sich Sponsoren, Partner, Paten, Beiräte fürs Projekt gewinnen.

Ausgestrahlt wird „24hBerlin“ exakt ein Jahr nach dem Drehtag, am 5. September 2009, bei RBB, Arte und dem finnischen Sender YLE Teema. Weitere Stationen sind herzlich eingeladen, denn möglichst die ganze Welt soll Berlin 24 Stunden lang beim Berlin-Sein zuschauen. Was sie sehen, das kann auch von Amateuren stammen. Ur-Berliner, Neu-Berliner, selbst Berlin-Hasser sind aufgefordert, am Drehtag ihr Berlin mit eigener Kamera zu filmen und so Teil des Fernsehprogramms werden zu können (siehe Internet-Plattform www.24hberlin.tv). Wer nicht filmt, kann am 5. September 2008 seinen Satz zum Berlin-Tag in Talkboxen hineinsprechen, die über die Stadt verteilt werden. All das Material, was nicht im Fernsehprojekt verarbeitet wird, geht nicht verloren. Mit der Deutschen Kinemathek wird ein interaktives Archiv angelegt, als Keimzelle für ein digitales Berlin-Gedächtnis.

Bei aller Euphorie und Selbsteuphorisierung, frei von Sorgen ist das Projekt nicht. Wie wird der Berliner am 5. September 2009 reagieren, wenn „24hBerlin“ die „Abendschau“ überlappt? RBB-Projektleiter Johannes Unger sagte, an diesem Tag werde die „Abendschau“ im Kabel beim MDR-Fernsehen platziert. Wenn das mal ohne Gemecker abgeht.

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