Fernsehsender : Horst Köhler: Unser Star in Berlin

Von der ARD über den Nachrichtensender N 24 bis zum ZDF: Köhlers Rücktritt überrascht die Sender und beherrscht dann die Programme.

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Viele Sender, ein Programm. Der Rücktritt von Horst Köhler dominierte das Fernsehen am Montag.
Viele Sender, ein Programm. Der Rücktritt von Horst Köhler dominierte das Fernsehen am Montag.Foto: Thilo Rückeis

Horst Köhler ist kein Fernsehprofi. Wäre er einer, dann hätte er den Sendern Zeit gegeben, im Schloss Bellevue Live-Kapazitäten aufzubauen. Hat er aber nicht, und so trat Köhler quasi zeitversetzt vom Amt des Bundespräsidenten zurück. RTL änderte am schnellsten das Programm am frühen Montagnachmittag, die ARD kam zügig hinterher, schließlich – und deutlich hintendran – holte das ZDF das Thema des Tages auf den Schirm. Die Newssender von n-tv über N 24 bis hin zu Phoenix waren längst zu Horst-Köhler-Kanälen mutiert. Sat 1 verdeutlichte mit seiner Absenz, dass Nachrichten als Störenfried im Programm verstanden werden.

Die Dramaturgie in den Hauptprogrammen war ähnlich. RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel präsentierte die „Breaking News“ bereits kurz nach 14 Uhr aus der Senderzentrale in Köln und holte sich bei Peter Kleim in der Hauptstadt Eindrücke vom Ort des Geschehens. Die ARD überzeugte mit der Tiefe und Weite der Informationen. Claus-Erich Boetzkes moderierte mit sicherer Hand eine aufgebohrte „Tagesschau“-Ausgabe, Ulrich Deppendorf vom ARD-Hauptstadtstudio reportierte Gewissheiten und Vermutungen über die Gründe des Rücktritts. In Folge zog die „Tagesschau“-Redaktion alle Register. Schnell ging es nach Brüssel, nach Neu-Delhi zu Florian Meesmann, der mit dem Bundespräsidenten in Afghanistan gewesen war. Die XXL-„Tagesschau“ hatte die Quantität und die Qualität eines „Brennpunktes“.

Das ZDF sortierte sich da noch. Das Zweite schaffte es, eine „Bauchbinde“ mit dem Köhler-Rücktritt durch „Die Küchenschlacht“, mitten durch Speis und Trank, zu ziehen. Eine absurde Veranstaltung, die erst um 15 Uhr endete: Die „heute“Nachrichten begannen, die „Tagesschau“ zu kopieren. Aber was gegenüber RTL an Schnelligkeit fehlte, fehlte im Vergleich mit der ARD an Reichhaltigkeit. Erst im Lauf des Nachmittags und des Abends konnte das ZDF Boden gutmachen. Ein Coup gelang Phoenix, als der Sender das inkriminierte Deutschlandradio-Interview mit Köhler vom 22. Mai ausstrahlte, das zu Kritik und Rücktritt geführt hatte.

Was folgte, war ein Bombardement der Reaktionen und Spekulationen, ehe die politische Castingshow „Deutschland sucht einen Bundespräses“ anfing. Sollte vielleicht Stefan Raab übernehmen, dann wird etwas Brauchbares draus. Deppendorf bemerkte scherzhaft, dass jemand gar Lena vorgeschlagen hätte.

Nach der großen Überraschung, die einige Sender mehr überraschte als ARD und RTL, ging der politisch-präsidiale Fernseh-Komplex in die Vollen. Aus dem Studio ging es auf die Straße, um Volkes in diesem Fall uneinheitliche Stimme einzuholen, es ging in die Archive, um die Leistungskurve des Staatsoberhauptes Köhler nachzuzeichnen. Mancher der Beiträge war sehr im Moll-Ton gearbeitet, das hatte merkwürdigen Nachruf-Charakter.

Wer sich als Kritiker des Rücktritts bestätigt sehen wollte, der war bei Phoenix allerbestens aufgehoben. Köhler-Biograph Gerd Langguth und der Politikwissenschaftler Tilman Mayer gaben Statler & Waldorf. Den „Muppet“-Alten gefällt nichts, in gleicher Manier Langguth & Mayer nahmen Köhler die Resignation übel und sahen wenig, was dieser Präsident geleistet hatte. Das war keine Trauerarbeit, das glich einer Abrechnung.

Da tut es gut, dass es Sendungen wie „Brisant“ im Ersten gibt. Mitleiden, Mitfühlen ist Programm. Wenn Horst Köhler Trost brauchte, hier konnte er ihn bekommen. „Die Leute in Deutschland“ (O-Ton), also die Deutschen haben den „Super-Horst“ geliebt. Übrigens liebten sie auch Dennis Hopper, als er noch nicht tot war, sie lieben Clint Eastwood, dass er 80 wurde. In „Brisant“ steckt so viel falsche Liebe wie unfreiwilliges Hassfernsehen.

Ulrich Deppendorf (ARD) und Bettina Schausten (ZDF) hatten sich da schon zurückgezogen, als das Köhler-Thema in immer neuen Wellen durch die Programme schwappte. Deppendorf und Schausten mussten sich für ihr gemeinsames Merkel-Interview in „Brennpunkt“ und „Spezial“ vorbereiten. Das Gespräch bot keine Auffälligkeiten und keine weitere Aufklärung über Köhlers wahre Motive. Was kommen wird? Arbeit, Aufgaben und Anstrengung, aber so ganz Konkretes konnten die Frager und damit die Zuschauer von der Bundeskanzlerin nicht erfahren. Es bleibt viel zu tun, na ja.

Es gab auch Lustiges: Der ZDF-Parteienforscher Karl-Rudolf Korte hat offenbar mit ZDF-Moderator Theo Koll das Outfit getauscht. Korte trägt hat die Haare jetzt rötlich-schön, Koll versucht’s mit einer Art toupiertem Blond. Und Lena? Lena war verdrängt. Dafür brauchte es schon einen Star in Berlin. Das Primat der Politik war wieder hergestellt.

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