Fernsehtipp : Lauras Schweigen

Regisseur Tom Zenker erhielt 2007 für "Der blinde Fleck" den wichtigsten Nachwuchsfilmpreis in Deutschland, den First Steps Award. Jetzt läuft das meisterhafte Familiendrama im ZDF.

Thomas Gehringer
Der blinde Fleck Foto: ddp
Szene aus "Der blinde Fleck". -Foto: ddp

Abiturientin Laura (Henriette Schmidt) ist ein hübsches, braves Mädchen, einziges Kind der Königs. Der Umgangston in der Familie ist liebevoll. Der große Unbekannte, in den sich Laura verliebt hat, weckt die Neugier der Eltern. Dann geschieht das Unfassbare: Laura wird verhaftet, weil sie auf zwei Polizisten geschossen haben soll. Der eine stirbt sofort, der andere Tage später. Ihr Vater Eckhart (Jan-Gregor Kremp) ist selbst Polizist und hält es für völlig unmöglich, dass seine Tochter etwas mit diesem Verbrechen zu tun haben könnte. Doch Laura sitzt nur da und schweigt.

Was stimmte nicht in dieser Kleinfamilien-Idylle? In klug eingestreuten Rückblenden erzählt Regisseur und Autor Tom Zenker, was der Vater verdrängte, welche Veränderungen er bei seiner geliebten Tochter nicht wahrnehmen wollte. "Der blinde Fleck" ist kein klassischer Krimi, sondern ein spannendes Familiendrama von hoher Intensität. Nicht die Ermittlungsarbeit, sondern die Konflikte hinter der unbegreiflichen Tat, die wie aus heiterem Himmel über eine intakte Mittelschichtsfamilie zu kommen scheint, rücken in den Vordergrund.

Die Dialoge sind knapp und präzise, oft verraten nur scheinbare Nebensächlichkeiten, dass unter der Oberfläche Misstrauen und Entfremdung wachsen. Zenker schildert das Drama aus der Sicht des Vaters, der am Ende vor der Wahl steht, die falsche Idylle zu einem schrecklichen Preis aufrechtzuerhalten oder sich das Scheitern seiner Familie einzugestehen. Kremp beweist seine ganze Klasse, auch Nina Petri überzeugt als seine Frau Marianne, die ihre Tochter und ihre Ehe mit etwas klareren Augen betrachtet. Und dann dieses düstere, brillante Ende: Henriette Schmidt, deren Figur Laura bewusst rätselhaft gehalten wird, muss alles in diesen letzten Blick legen, den sie mit Kremp wechselt. Wortlos, verlogen, bleiern, so sieht die Hölle hinter der schmucken Vorstadt-Kulisse aus.

Der 1971 geborene Zenker erhielt 2007 für "Der blinde Fleck", seinen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb), den wichtigsten Nachwuchsfilmpreis in Deutschland, den First Steps Award. Eine würdige Eröffnung also für die "Gefühlsecht"-Reihe des Kleinen Fernsehspiels, mit der das ZDF bereits im zehnten Jahr jungen Spielfilm-Regisseuren eine Plattform bietet. Bereits am Montag folgt "Was ich von ihr weiß" (23 Uhr 50). Darin erzählt Maren-Kea Freese von der 16-jährigen Kati (Alice Dwyer), die erst als Jugendliche ihre leibliche Mutter (Julia Richter) kennenlernt - eine Taschendiebin.

Doch weil die junge Generation lieber Internetvideos dreht, als vom Fernsehen zu träumen, lobt das Kleine Fernsehspiel eine neuartige "Talentprobe" aus. Noch bis 15. August können maximal 15-minütige Kurzfilme eingereicht werden, von denen die 30 besten ab 1. Oktober zwei Monate lang online in der ZDF-Mediathek präsentiert werden. Neben dem Publikumsfavoriten werden drei Filme von einer Fachjury prämiert. Machart und Thematik sind nicht vorgegeben, die Teilnehmer dürfen jedoch nicht älter als 25 Jahre sein. Thomas Gehringer

"Der blinde Fleck", ZDF, 23 Uhr 35

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