Fernsehtipp : Zeitreise mit Gräfin

Die russische Revolution, sehr persönlich gesehen

Kathrin Hillgruber

Nora Kinsky war eine Frau, deren Mut und Temperament nicht einmal in Sibirien abkühlten. Innerhalb des Programmschwerpunkts zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution wagen Arte und der Bayerische Rundfunk mit dieser Koproduktion eine neue, sehr persönliche Sicht auf das Jahrhundertereignis. Monika Czernin, die ihrer Großtante bereits eine Biografie widmete, vollzog mit der Kamera noch einmal Noras Reise durch Russland in den Kriegsjahren 1916 bis 1918 nach. Nora Gräfin Kinsky kam im Dreikaiserjahr 1888 auf dem böhmischen Stammsitz ihrer Familie zur Welt. Entgegen den Traditionen der Hocharistokratie weigerte sie sich, einen ihrer zahlreichen Verehrer zu heiraten. Stattdessen orientierte sie sich an ihrer Tante, der Friedenskämpferin Bertha von Suttner. 1916 brach Nora an den Zarenhof nach Petrograd auf, um sich dort für ihre Reise als Rotkreuzschwester nach Sibirien zu rüsten. In der damaligen russischen Hauptstadt war schon jene explosive Mischung aus fiebriger Aufbruch- und Endzeitsstimmung zu spüren, die bald zum Umsturz führte.

Die sogenannten Schwesternreisen gingen auf die Haager Konvention zurück. Rotkreuzschwestern inspizierten unter dem Schutz des russischen Militärs die ausgedehnten Gefangenenlager, in denen sich während des Ersten Weltkriegs circa zwei Millionen deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten befanden. Nora Kinsky besuchte in einem halben Jahr 16 Lager und gelangte dabei bis nach Wladiwostok. Von einem Land in Auflösung und insbesondere den Bahnhöfen als Relaisstationen der Unruhe spricht der Historiker Karl Schlögel im Film.

Parallel zur Perspektive einer Vertreterin des „Adels im Untergang“ (Ludwig Renn) beleuchtet Monika Czernins Dokumentation, bei der sie selbst in den Spielszenen ihre Großtante darstellt, auch das Schicksal einiger namhafter Kriegsgefangener. So lobte der Schriftsteller Heimito von Doderer die „sibirische Klarheit“, zu der er im Lager fand. Erich Edwin Dwinger entwarf seinen Bestseller „Die Armee hinter Stacheldraht“. Viele ehemalige „Feinde“ blieben im Land und begeisterten sich für die Revolution, wie der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter. Er leitete ein Bergwerk in Tula und wurde von Lenin an die Spitze des Zentralkomitees der Wolgadeutschen in Saratov berufen. Das alles zeigt der Film (Kamera: Harald Mittermüller) an Originalschauplätzen. Nora Kinsky waren nach ihrer Rückkehr aus Russland nur noch wenige Jahre beschieden; sie starb mit 35 bei der Geburt eines Kindes. Kathrin Hillgruber

„Die Gräfin und die Russische Revolution“, 20 Uhr 40, Arte

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben