Fernsekritik : Joseph Roth: Der Rastlose

Er war ein erfolgreicher Autor, am Ende verzweifelter Alkoholiker – 3sat widmet Joseph Roth einen Schwerpunkt.

Anna Pataczek

Unter das Porträt, das eine Freundin mit schnellen Strichen von ihm in einem Kaffeehaus zeichnete, schrieb Joseph Roth: „Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit.“ So heißt auch die Dokumentation, die am heutigen Mittwochabend auf 3sat läuft – als Auftakt eines Programmschwerpunkts mit sechs Literaturverfilmungen anlässlich des 70. Todestages des österreichischen Journalisten und Schriftstellers.

Unter anderem zeigt der Sender Bernhard Wickis Adaption von „Das falsche Gewicht“ aus dem Jahr 1971 mit Helmut Qualtinger in der Hauptrolle. „Hiob“ ist sowohl als TV-Dreiteiler von Michael Kehlmann (1978) als auch als Aufzeichnung eines Theaterabends mit dem großartigen André Jung als Mendel Singer an den Münchner Kammerspielen (Regie: Johan Simons) im Programm (der 1. Teil läuft am 8. April um 22 Uhr 25).

Mehr noch als dem tragischen Leben nähert sich der Filmemacher Karl Pridun in seinem Porträt dem Tod von Joseph Roth, der mit gerade einmal 45 Jahren starb. Die Gründe dafür findet die 60-minütige, bedächtig erzählte Doku im Außenseiterdasein, das Roth von Anfang an führt. 1894 in Brody geboren, eine galizische Kleinstadt in Österreich-Ungarn an der Grenze zu Russland, wächst der Junge bei seiner alleinerziehenden Mutter auf. Der Vater ist geisteskrank, ein Tabu in der jüdischen Gemeinde. Zum Germanistikstudium geht Roth nach Wien. Hier ist er der ewige Ostjude, diskriminiert von der Habsburger Gesellschaft. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wird er jedoch mit seinem feinen Gespür für soziale Milieus als Journalist schnell erfolgreich. 1920 zieht Roth mit seiner Frau Friedl nach Berlin, in seine zeitlebens einzige feste Wohnung im Nachbarhaus der heutigen „Joseph-Roth- Diele“, einer Gaststätte in der Potsdamer Straße in Berlin-Tiergarten. Für die „Frankfurter Zeitung“ reist er durch Europa, wird zu einem der bestbezahlten Journalisten seiner Zeit. Roth liebt Hotels, er ist ein Nomade. Als seine Frau an Schizophrenie erkrankt, ist es „das Drama seines Lebens“, wie Roth-Biograf Wilhelm von Sternburg urteilt. Sternburgs pointierte Kommentare stechen neben dem kurzen Auftritt von Otto von Habsburg, der Roth im Pariser Exil kennenlernte, und den Einordnungen dreier Literaturwissenschaftler wohltuend heraus.

Die Hälfte seines Werks schreibt Roth von 1933 an im französischen Exil, denn in Deutschland werden seine Bücher verbrannt. Nach dem Einmarsch Hitlers in Österreichs 1938 verliert Roth endgültig seine Heimat und sich selbst im Alkohol. Er verändert sich physisch so sehr, dass er in den nachgestellten Filmszenen, von zwei verschiedenen Schauspielern, Heinz Weixelbraun und Ernst Konarek, verkörpert werden muss. Weil keinerlei bewegte Bilder von Roth existieren, setzt Filmemacher Pridun außerdem auf animierte Strich-Zeichnungen. Sie fügen sich mit den flimmerigen Filmaufnahmen des multiethnischen Brody und des quirligen Wien sowie den vielen Schwarz- Weiß-Fotografien zu einem stimmungsvollen Gesamtbild. Am 27. Mai 1939 stirbt Roth in Paris, wahrscheinlich an den Folgen einer Lungenentzündung ausgelöst durch eine falsche Behandlung.

„Das bin ich wirklich; böse, besoffen, aber gescheit – Joseph Roth im Porträt“, 21 Uhr. Auch am Mittwoch läuft der 1. Teil von „Radetzkymarsch“, 2. Teil am Donnerstag, jeweils 22 Uhr 25, 3. Teil am Samstag, 22 Uhr, alles 3sat

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