Festliches Fernsehen : Und die Moral von der Geschicht’

Viele Märchen, Reisedokus, der Engel Clarence, Benno Fürmann, King Kong und ein DVD-Tipp – so besinnlich ist das Weihnachtsprogramm.

Markus Ehrenberg

Das Fernsehprogramm zu Weihnachten kann ein guter Anlass sein, mit Kindern über Werte zu sprechen. Filme mit Moral haben Hochkonjunktur. Was ist richtig, was falsch? Wie wichtig sind Freundschaften? Hilft Gier im Leben weiter? Die Zeitschrift „Flimmo“, herausgegeben vom JFF – Institut für Medienpädagogik in München, weist im Sonderheft „Werte im Weihnachtsprogramm?“ auf Filme wie „Das fliegende Klassenzimmer“ oder „Gilbert Grape – irgendwo in Iowa“ hin. Die gibt’s leider nur in der Videothek, nicht im Weihnachtsprogramm. Dort läuft zum Beispiel, besonders empfehlenswert: „Der Mann der 1000 Wunder“, (KiKa, Freitag,15 Uhr 50), ein Knettrickfilm über die Jesusgeschichte in einer ungewöhnlichen Perspektive. Und sonst noch? Ein Programmscan über drei Tage: Erwartbares, Erbauliches, Unvermeidbares und Überraschendes im Weihnachtsprogramm.

DIE RICHTIGE STIMMUNG

Natürlich: „Urbi et Orbi“, Segen und Weihnachtsansprache von Papst Benedikt XVI live aus Rom, mittags zum Festtagsbraten (Freitag, ZDF, 12 Uhr). Am Abend zuvor die „Heilige Nacht in Rom“, die Mitternachtsmesse aus dem Vatikan (Donnerstag, BR, 22 Uhr) und die „Evangelische Christmesse zum Heiligen Abend“ (Donnerstag, ARD, 15 Uhr 55). Derart spirituell aufgeladen sind die Wunder, die der Engel Clarence in Frank Capras US-Komödie „Ist das Leben nicht schön?“ (Donnerstag, ZDF, 0 Uhr 50) beschert, eigentlich gar keine Wunder mehr. Schade nur, dass der definitiv passendste Weihnachtsfilm aller Zeiten so spät läuft. Von wegen böse Bankchefs – nie war James Stewart als verzweifelter Gutmensch, der seine Mitarbeiter und Kunden nicht im Regen stehen lässt, wichtiger als in diesen Zeiten. Da kommen Fritz Wepper als „Das Weihnachts-Ekel“ (Donnerstag, ARD, 20 Uhr 15), nach Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte, oder auch „Die Bibel“ (Donnerstag, Das Vierte, 20 Uhr 15) zur rechten Zeit. John Hustons Monumentalfilm erzählt die ersten 22 Kapitel des Buches der Bücher, von Adam und Eva bis zu Abraham.

ZEIT FÜR MÄRCHEN

Einmal wieder Kind sein. Schlüssel zu den Grunderfahrungen des Menschen. Das dachten sich auch deutsche Starschauspieler bei der Märchenreihe „Acht auf einen Streich“. Darunter Sonja Kirchberger als Stiefmutter in „Schneewittchen“, Suzanne von Borsody in „Rapunzel“ oder Jürgen Tarrasch in „Der gestiefelte Kater“ (Freitag, alle ARD, 14 Uhr 45, 15 Uhr 45, 16 Uhr 45). Alles ohne Verulkung der Originalvorlage. Nur die Tschechen konnten’s noch besser. Der bezaubernde Klassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973 ist aus dem Festtagsprogramm nicht mehr wegzudenken (Freitag, ARD, 11 Uhr sowie in diversen Dritten Programmen schon an Heiligabend, RBB, 21 Uhr 15).

MÄNNER OHNE NERVEN

Gefühlsmäßig laufen Weihnachten kaum Blockbusterpremieren. Auch als Wiederholung reizvoll: „Der Pferdeflüsterer“ mit Scarlett Johansson und Robert Redford als charismatischer Pferdeheiler (Freitag, ZDF, 23 Uhr 20), „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“, die opulente Fortsetzung der Zauberschülerreihe mit Daniel Radcliffe (Freitag, ARD, 20 Uhr15) und gleich dahinter „Harry Potter und der Feuerkelch“ (Sonnabend, ARD, 20 Uhr 15). Für alle diejenigen, die mit Thomas Kretschmann und Sebastian Koch als „Seewolf“ nichts anfangen konnten, gibt es ein Wiedersehen mit Raimund Harmstorf in der Rolle des düsteren Kapitäns Wolf Larsen: „Der Seewolf“ (Sonnabend, ZDFNeo, 18 Uhr 50, vier Teile). Hier werden wirklich noch rohe Kartoffeln mit bloßen Händen zerquetscht. Das schafft sonst nur „King Kong“ (Sonnabend, RTL, 20 Uhr 15). Wenn am zweiten Weihnachstagabend langsam der Zauber versiegt, rettet im großen US-Remake mit Naomi Watts der Riesenaffe die weiße Frau. Im deutschen Fernsehen nicht unterzukriegen: „Bauer sucht Frau“, ein Special (Freitag, Sonnabend, RTL, 19 Uhr 05) und Kapitän Paulsen. „Das Traumschiff“ hält Kurs auf die Emirate (Samstag, ZDF, 20 Uhr 15). Sat1 und RTL bringen an Feiertagen flächendeckend Spielfilme. Hervorzuheben: das Frontdrama „Merry Christmas“ (Donnerstag, Sat1, 18 Uhr 05) mit Benno Fürmann über einen besonderen Tag im Ersten Weltkrieg. Zu der Zeit spielt auch das Liebesdrama „Mathilde – Eine große Liebe“ am Sonnabend (ZDF, 23 Uhr 50). Und wenn wirklich alles schläft, darf es öffentlich-rechtlich etwas anspruchsvoller sein. Ein Fall für den Videorecorder: „Die Brüder Karamasow“ (Donnerstag, ARD, 1 Uhr 45). Dostojewskis letzter Roman in der US-Verfilmung mit Yul Brunner und Maria Schell.

ZEIT FÜR ELEGANZ

Für jeden Geschmack: „Max Raabe & Palast Orchester“ (Donnerstag, Arte, 20 Uhr 15; zweiter Teil am Sonnabend um 19 Uhr), eine Aufzeichnung aus dem Admiralspalast, mit acht Kameras von Verehrer Michael Ballhaus aufgenommen. Was Weihnachten alles schiefgehen und wie in der Form doch Fassung gewahrt werden kann, zeigt „Loriot – Weihnachten bei Hoppenstedts“ (Donnerstag, ARD, 22 Uhr 10). Die hessische Variante: „Familie Heinz Becker“ mit einer weihnachtlichen Kultfolge „Alle Jahre wieder“ (Donnerstag, ARD, 21 Uhr 40).

BLEIBEN UND STILLE BEWAHREN …

Ohne Reisedokus geht es Weihnachten nicht. Für Hiergebliebene: „Das blaue Wunder“ (Donnerstag, Arte, 19 Uhr) führt in das Inselreich von Raja Ampat, die Region mit der weltweit größten Artenvielfalt, „Sehnsuchtsrouten“ zum Beispiel in die Felsenstadt Petra in Jordanien (Donnerstag, 3sat, 19 Uhr 15). Die zweiteilige Doku „Traumland Kanada“ (Freitag, ZDF, 14 Uhr 55; Samstag, 15 Uhr 05) zeigt, was Menschen antreibt, in der Wildnis ihr Glück zu suchen. Bemerkenswert – Sendergrößen wie Klaus Bednarz oder Claus Kleber sind diesmal offenbar zu Hause geblieben. Nur Fritz Pleitgen wird am Sonnabend nochmals auf den „Väterchen Don“ geschickt (MDR, 22 Uhr). Eine Reise in die Welt der Spiritualität unternimmt „Die Macht der Engel“ (Freitag, ZDF, 19 Uhr 30). Was fasziniert an Geistwesen? Oder auch an Fernsehköchen? In „Lichters Reise: Der Bernina-Express“ (Sonnabend, ZDF, 14 Uhr 30) gibt’s ein Menü in 2000 Metern Höhe.

ES LEBE DER SPORT

Und der Sport? Der Fußball? Die Bundesliga macht Pause, nur in England wird weiter gekickt. Stoff für Fans bringen das DSF mit „Bundesliga-Hits“, die Highlights der Hinrunde (Donnerstag, ab 20 Uhr), und Eurosport mit Champions-League-Endspielen (Donnerstag, ab 18 Uhr). Livesport gibt’s am Sonnabend, wenn die Basketballer von Alba Berlin und MEG Göttingen um Punkte kämpfen (DSF, 18 Uhr 45). Bliebe noch ein Film, den wir jetzt gerne mal wieder gesehen hätten: „The Dead“, John Hustons grandiose Verfilmung der Erzählung von James Joyce. Ein Film voller Güte und Herzenswärme, eine Mahnung, sich der Vergänglichkeit des Lebens bewusst zu werden, es umso mehr zu schätzen. Viel Besinnlichkeit, viel, viel Wahrheit, noch mehr Schnee. Ein DVD-Tipp. Markus Ehrenberg

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