Medien : Fettbemme zum Abschied

Lieber im Einsatz als auf der eigenen Feier – warum Bruno Ehrlicher ein besonderer Kommissar war

Barbara Sichtermann

„Ich hasse diesen ganzen Zinnober“, stößt Ehrlicher hervor und meint damit mehr als die Vorbereitungen für seine Abschiedsfeier, denn er geht ja nun in Pension. Er meint Partys mit Schickimicki-Glamour und Lachstatar im Allgemeinen, er meint die Welt des Scheins, der Aufschneiderei, der großen Gesten, vielleicht sogar den Westen (ein bisschen ganz bestimmt) und eben diesen ganzen Zinnober. Die Fernsehfigur Kommissar Ehrlicher ist ein Mann der klaren Worte und nötigen Taten, ihn interessiert die Oberfläche nur insofern sie einen Kern verbirgt. Und wenn sie einen Kern verbirgt, sei es bei einem Ding, einem Sachverhalt oder einem Charakter, dann geht Ehrlicher geradewegs auf ihn los. Vormachen kann man ihm nichts, auch an der Nase rumführen lässt er sich nicht, denn er kennt die Welt und auch den menschlichen Zoo, der darauf rumkrabbelt. Irren tut er sich schon mal, denn das ist menschlich, aber irreleiten lässt er sich nicht. Schon gar nicht von so einem Zinnober.

Für seine ganz besondere Art, der Welt zu begegnen und seine Arbeit zu machen, das heißt Verbrechen aufzuklären, braucht und nimmt sich Ehrlicher jene Ressource, um die sich junge Kollegen öfter mal betrügen lassen: Zeit. Er reagiert, außer wenn’s drauf ankommt, nie sofort. Er guckt sich die Dinge an, sondiert die Lage, gibt seiner Intuition den Raum, den sie braucht, um das jeweilige Kräftefeld auszumessen und zieht dann seine Schlüsse. Er hat’s nicht mit der Eile, denn Erkenntnis muss wachsen, und Wachstum dauert. Wenn er müde wird zwischendurch, der Kommissar, zieht er sich auf dem Revier einen Kaffee aus dem Automaten. Und den gießt er dann bedächtig aus dem Plastebecher in eine richtige Tasse um. Das macht er immer so, das ist als kleine Zeremonie zugleich eine Metapher für seine Sicht der Welt. Es ist nämlich gar nicht unbedingt der Westen, der von ihm abgelehnt wird, es ist nicht mal immer der Schein. Es ist der Plastikbecher (und alles was ihm gleicht), dieses von der Fastfood-Abteilung unserer McZivilisation ausgebrütete Gefäß ohne Gewicht und Wärme. Ehrlicher ist das Gegenteil.

Spielt es eigentlich eine Rolle, dass dieser von Peter Sodann verkörperte Kommissar in Leipzig ermittelt? Irgendwie schon, denn im Osten gehen die Uhren immer noch anders, und Ehrlicher ist auf diesen Rhythmus eingestimmt. Aber sein Einspruch gegen die Oberflächlichkeit, die Hektik und die Plastikbecherzivilisation ist viel mehr als die Widerständigkeit eines alten Ossis – der Bruno Ehrlicher könnte überall Dienst tun, wo die Menschen wissen, dass Erkenntnisse wachsen müssen, also etwa auch in Niedersachsen oder Bayern, zumal er nicht sächselt. Aber natürlich ist Leipzig die Heimat – und die Polizei. Er hat einen erwachsenen Sohn, der Witwer Ehrlicher, aber mit dem verbindet ihn nicht viel. Ein anderer „Sohn“ ist der jüngere Kollege Kain, um den kümmert Ehrlicher sich allerdings, dessen polizeiliche Laufbahn und Moral liegt ihm am Herzen. Und Kain ist seinem Mentor zugetan. Das merkt man aber nur indirekt. Die beiden schweigen sich gerne an, nette Worte wollen einfach nicht fallen. Was wiederum ihrer Freundin Frederike, die einen Waschsalon mit Café führt, gar nicht passt. Warum immer so miesepetrig, Bruno? Der schaut sich um und findet, die Welt hat’s nicht besser verdient. Dennoch mag ihn Frederike und Kain sowieso. Weil er so eigen ist.

„Muss man seinen Abschied feiern?“ fragte der Kommissar. Man muss. Zwar bleibt dem Pensionär die Putenbrust erspart, es gibt Fettbemme – also Schmalzbrote – und saure Gurken, doch auch einen Tusch und eine Festrede. Zeitgleich aber geht ein Kriminalfall zu Ende, die Dinge spitzen sich zu, eine Täterin gesteht ... So kommt es, dass Ehrlicher auf seiner eigenen Feier erstmal nicht anwesend ist („Wo ist Bruno?“). Und seinem Publikum zeigt, wo er hingehört: dahin, wo die Wahrheit ans Licht kommt. Den Zinnober überlässt er den anderen.

„Tatort: Die Falle“, ARD, 20 Uhr 15

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