Medien : "Figaro!!": Abgelesen wird nicht - Wo Guerilleros Kulturradio machen

Thomas Eckert

Manchmal hat man einfach unverschämtes Glück. Genau eine Woche, nachdem Christa Thoben in der Sendung "Figaro!!" zu den ersten 100 Tagen ihrer Amtszeit als Kultursenatorin Stellung bezogen hatte, trat sie zurück. Ein bisschen sonnt sich die Redaktion noch immer im Glanz dieses journalistischen Coups. "Figaro!!" ist eine Radiosendung, läuft von Montag bis Freitag jeweils von 12 Uhr 10 bis 14 Uhr auf Radio 3 und "offeriert klassische Musik, prominente Studiogäste, Information und Service, Musikrätsel und Kartenverlosung". So jedenfalls beschreibt sich die Redaktion selbst. Die Resonanz von "Figaro!!" ist bislang nicht genau ermittelt worden, aber Radio 3 liegt bei 0,9 Prozent. Das sind 24 000 Hörer täglich.

Sogenannte Tagesablaufstudien haben ergeben, dass der Hörer, das unberechenbare Wesen, zwischen zwölf und 14 Uhr nicht wirklich gestört werden will: in der Mittagszeit bitte keine großen Änderungen, sonst wird gnadenlos abgeschaltet. Der Hörer will ein Programm, bei dem er ruhig bleiben kann. Deshalb ist "Figaro!!" auch keine Sendung. Und auch kein Magazin. Sondern: eine moderatorengestützte Musikstrecke mit festen Rubriken. Sagt Wilhelm Matejka, Leiter der Hauptabteilung Musik beim Sender Freies Berlin (SFB) und verantwortlich für Radio 3. "Und deshalb haben wir beim SFB das modernste Format im deutschen Kulturradio. Und wir waren die ersten, die es eingeführt haben." Derzeit sieht es aber gar nicht so gut aus für "Figaro!!". Der SFB hat vor kurzem die Kooperationsvereinbarung mit dem Norddeutschen Rundfunk (NDR) für Radio 3 gekündigt, mit dem zweiten Partner, dem Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg (ORB), tut man sich im Augenblick auch auf etwas schwer. Am 1. Januar 2001 soll und muss etwas Neues auf Sendung gehen. Aber: nichts Genaues weiß man nicht. Oder sagt man nicht. "Einen großen Fehler mit verheerenden Folgen" nennt Matejka die Programmreform von 1997, die unter anderem aus SFB 3 Radio 3 und Radio Kultur machte. Sein Traum ist ein eigenes Kulturprogramm des SFB. "Die Kompetenz und die Kapazitäten sind vorhanden." Ende Juli könnte, vielleicht, eine Entscheidung getroffen werden. Wenn der Intendant es will. Aber auch das weiß niemand so ganz genau. Oder sagt es nicht. Was kümmert das alles die Macher von "Figaro!!". Auf dem Weg durch die langen Flure im Haus des Rundfunks an der Masurenallee zum Büro von Redakteurin Gisela Lerch kommt der Besucher an vielen braunen Türen vorbei, an denen nicht einmal Plakate hängen - Tristesse. Dann aber, ein erstes Zeichen der Hoffnung, auf einer Tür ein fotokopiertes DIN A-4 Blatt: "Freude ist unbezahlbar". Das sieht Gisela Lerch ganz genau so. Seit Oktober 1997 betreut sie die Strecke "Figaro!!". Head of music Wilhelm Matejka war es, der Christian Detig, festangestellter Redakteur und Moderator unter anderem bei "Figaro!!" mit dem Auftrag überraschte, sich in doch mal etwas auszudenken. Detig dachte, fragte Lerch, und seitdem wird gesendet. Die Macher haben ein durchaus spezielles Selbstverständnis: "Wir sind eine kleine Guerillatruppe", sagt Gisela Lerch. Und das heißt: "Flexibel, hoch motiviert, kompetent und ungewöhnlich". "Figaro!!" wurde zur "sitzungsfreien Zone" ausgerufen, und um so "radiophon" zu sein wie nur irgend möglich, hat man es sich zum Prinzip gemacht, keine Manuskripte abzulesen, sondern auf die Fähigkeit der Mitarbeiter zu setzen, auch komplizierte Sachverhalte und Informationen in freier Rede an den Hörer zu bringen.

Schöne Geschichten gibt es zu erzählen. Zum Beispiel, dass Ilja Richter zehn Minuten vor Sendebeginn anrief, um zu sagen, er hätte ganz vergessen, dass er als Studiogast erwartet werde. Er habe gerade zufällig die Ankündigung des Moderators gehört und werde in zehn Minuten da sein. Und so war es dann auch. Aber sowas kann richtige Radio-Guerilleros natürlich nicht aus der Ruhe bringen. Dann schon eher der fünfte Anruf an diesem Vormittag aus dem Büros von Kulturstaatsminister Michael Naumann. Ob man denn wirklich wie abgesprochen fragen werde, ob sich denn auch nichts geändert habe, ob ... . Dann ist der Minister da, wundert sich, dass er live befragt werden soll. Nach der Sendung wird Naumann sagen, dass er es hier richtig gemütlich finde und er selbst im Alter von 20 Jahren vor solchen Mikrophonen gesessen habe, als er für das Radio gearbeitet habe. Der Minister schreibt ins Redaktionsbuch: "Alles versendet sich, außer dem Sender". Es könnte sein, dass er Recht behält. Am nächsten Tag ist wieder ein hoher Gast da, der Berliner Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Christoph Stölzl. In der letzten Woche waren die Live-Gespräche ausnahmslos einem Thema gewidmet: 100 Tage Christoph Stölzl. Schwerpunktwoche heißt das bei "Figaro!!". Die Prominenz scheint das Angebot zu schätzen: Jürgen Schitthelm vom Deutschen Bühnenverein, Peter Gaehtgens, Präsident der Freien Universität, Monika Grütters, Vorsitzende des Kulturausschusses im Abgeordnetenhaus, sie alle waren da. Eine halbe Stunde spricht der Kultursenator, lässt sich noch zwischen Tür und Angel den Satz abpressen, dass die Verbindung von Klassik und Radio für ihn das Allerschönste sei - und fort ist er. "So oft war ich hier, aber so doch nie", hat Stölzl vorher ins Gästebuch geschrieben.

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