Film : Anna hat Leukämie

"Die Drachen besiegen": Der ARD-Film zeigt den Kampf einer Familie um die Rettung der Tochter, die an Leukämie leidet.

Thilo WydraD
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Das Leben – ein Traum? Anna (Amelie Kiefer) will sich zur Pianistin ausbilden lassen. Da kommt der Rückfall. -Foto: ARD

Mutter und Tochter gehen den langen Gang des Krankenhauses entlang, die Ärztin wartet schon auf sie, mit Papieren in der Hand, darauf die Auswertungen und Befunde der letzten Blutanalyse. Mutter und Tochter kennen die Ärztin. Sie muss gar nichts sagen. Kein Wort. Sie begreifen sofort, dass die Werte schlecht sind, dass die 17-jährige Anna (Amelie Kiefer) einen Rückfall hat – die Leukämie ist wieder aufgetreten. Da rennt Anna nur noch, den ganzen langen Gang entlang, raus, rennt davor weg, vor diesem Schweigen und was es bedeutet. Die Ärztin Dr. Wiegand (Anneke Kim Sarnau) weist eine neue weitere Chemotherapie an, und erklärt Annas Mutter Sabine Vogt (Gabriela Maria Schmeide), dass langfristig nur eine Knochenmarkspende Annas Leben wird retten können. Falls sie einen geeigneten Spender finden, dessen Merkmale passen. Ungewissheit liegt ohnehin über allem, so oder so.

Diese latente Ungewissheit ist es denn auch, die über Franziska Buchs eindringlichem Fernsehfilm „Die Drachen besiegen“ liegt, den sie nach Rodica Döhnerts Drehbuch inszeniert hat. Es ist dieses unsichtbare Damoklesschwert, das bedrohlich über Annas noch so jungem Leben hängt, diese Ungewissheit, die sukzessive das gesamte soziale Miteinander der Familie Vogt prägt und düster eintrübt. Vater Martin etwa verschweigt, dass er in der finanziellen Bredouille steckt, zumal im Haus unten, in dem sie auf dem bayerischen Land auch ihre Gaststätte betreiben, immer mehr das Wasser im Keller steht, das Fundament marode ist. Für Mutter Sabine steht außer Frage, dass sie ihre Tochter Anna, die sich doch noch vor dem Abitur gerade auf dem Mozarteum in Salzburg beworben hat, unbedingt retten will: Sie hat von der sogenannten Präimplantationsdiagnostik gehört, die in Deutschland umstritten und ohnehin verboten ist. Durch artifizielle Zeugung könnte Sabine schwanger werden und mit dem Knochenmark eines jungen Geschwisterkindes Anna retten. Vielleicht, theoretisch, hypothetisch.

Dramaturgie und Inszenierung tarieren dies alles gut aus, nichts ist zu viel oder zu wenig, alles passt, vor allem aber wirkt das Erzählte authentisch, ist von einer glaubwürdigen Wahrhaftigkeit. Und tatsächlich ist es im realen gelebten Leben ja so, dass eine solche schicksalhafte Katastrophe oftmals Nebenschauplätze mit sich bringt – es ist dieser vermaledeite Dominoeffekt. Ein Steinchen lässt das andere fallen. Diese Steinchen, das sind hier etwa die disparaten Haltungen von Vater Martin und Mutter Sabine – er ist gegen, sie für die Präimplantation. Das ist die finanzielle Misere, in welche die sonst so bodenständigen Vogts abzudriften drohen, kostet die in Tschechien praktizierte Diagnostik und Methode doch Geld, das sie einfach nicht haben.

Da ist aber bei allen Stimmungsschwankungen auch die Wut Annas, die sich mehr und mehr abkapselt, abschottet, verschließt. Sie fühlt sich unverstanden, scheint doch jeder ob der diversen Nebenschauplätze in ihren Augen zu vergessen, worum es hier eigentlich geht: Darum, dass sie möglicherweise sterben wird. Dass sie, Anna Vogt, 17 Jahre jung, musikbegeistert, jetzt schon gehen könnte. Stellenweise vermittelt sich die Wucht des Schmerzes, der für die Betroffenen nun ihr Dasein maßgeblich ausmacht,urplötzlich. Dieser hohe Grad an Emotionalität und Wahrhaftigkeit – der von den Machern Mut und Risikobereitschaft fordert – ist es denn auch, der dazu beiträgt, dass „Die Drachen besiegen“ zweifelsohne zu den besten Fernsehfilmen des Jahrgangs 2009 zählen dürfte. Thilo Wydra

„Die Drachen besiegen“, 20 Uhr 15, ARD

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