Film-Echos : Kino am Kiosk

Ob Blockbuster oder Arthouse – wie sich Filmmagazine gegen wachsende Konkurrenz auch aus dem Netz behaupten müssen.

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Die Berlinale ist Pflichttermin für die Kinomagazine. „Cinema“ bietet Lesern einen Blick hinter die Kulissen der Filmsets in...

Der heißeste Tratsch und Klatsch aus Hollywood wird zwar auf den Partys und in den Clubs von Beverly Hills ausgetauscht, doch wenn Schauspieler wissen wollen, was die Konkurrenz gerade macht, schauen sie nicht in die bunten Blätter, sondern auf die Seite von variety.com. Es ist die Onlineseite des wichtigsten Branchendienstes der amerikanischen Filmindustrie. Das 1905 gegründet Blatt, das vom Verlag Reed Business Information herausgegeben wird, gilt als Bibel des Hollywood-Filmbusiness.

Täglich wird hier berichtet, wie viele Millionen Dollar Filme einspielen oder welche Darsteller und Produzenten neue Projekte planen. Beispielsweise wurde gerade bekannt, dass sich Oscar-Gewinnerin Kate Winslet nicht zu gut dafür ist, in einer Miniserie bei HBO mitzumachen und dass Vin Diesel einen weiteren Teil von „Riddick“ produzieren will. Dazu gibt es aktuelle Kritiken, manchmal sehr harte. Auch Filme, die jetzt auf der Berlinale erstmals laufen, werden hier besprochen.

Ein so einflussreiches Branchenblatt wie „Variety“ gibt es in Deutschland nicht – allein schon deshalb, weil die Filmindustrie hier kleiner ist. Hierzulande gehören „Blickpunkt : Film“ und „Filmecho Filmwoche“ zu den wichtigsten Blättern der Filmwirtschaft, sie informieren über Umsätze von einzelnen Filmen, anstehende Premieren und weiteren Neuigkeiten aus der Kinobranche.

Cineasten interessiert so etwas eher wenig. Für sie gibt es am Kiosk jedoch Magazine, die sich aufs Publikum spezialisiert haben. Marktführer ist hier „Cinema“ aus dem Verlag Milchstraße. Das Magazin erscheint seit 33 Jahren und verkauft monatlich knapp 93 000 Exemplare. Bei „Cinema“ stehen die großen Stars und Filme im Mittelpunkt, in der aktuellen Ausgabe ist der neue „Sherlock Holmes“ Titelthema. Aber nicht nur die Hollywood-Produktionen, sondern jeder Film, der in Deutschland neu in die Kinos kommt, wird in dem Magazin besprochen, sagt Chefredakteur Artur Jung.

Doch Magazine wie „Cinema“ leiden genau wie die Kinobranche unter dem Internet. Immer mehr Menschen laden sich die Filme illegal aus dem Netz herunter statt ins Kino zu gehen. Die aktuellen Kritiken zu den neuen Produktionen sind online zu finden, sehr schnell und vor allem kostenlos. Konkurrenz kommt auch von den Kinoketten selbst, die kostenlose Magazine herausgeben, in denen sie ihre Filme bewerben – wie objektiv die Kritiken darin sind, ist allerdings fraglich. Hinzu kommt, dass Tageszeitungen neue Filme aktueller als Monatsmagazine besprechen können, zudem bieten auch andere Blätter wie Stadtmagazine oder Frauenzeitschriften Kritiken an.

Diese Konkurrenz schlägt sich in den Verkaufszahlen nieder. So hat „Cinema“ im vierten Quartal 2009 fast zwanzig Prozent weniger Exemplare im Vergleich zum Vorjahresquartal verkauft. Um weiter erfolgreich existieren zu können, müssen die Kinomagazine deshalb einen deutlich erkennbaren Mehrwert für Filmfans bieten.

„Wir haben uns deshalb weg vom Programmcharakter und hin zur Filmillustrierten gewandelt“, sagt „Cinema“-Chefredakteur Jung. Beispielsweise mit ausführlichen Hintergrundberichten zu Filmen, Reportagen vom Set oder aber mit Schwerpunktsetzungen, wie aktuell zum Trend, dass Filmklassiker wie „Sherlock Holmes“ und demnächst „Alice im Wonderland“ neu aufgelegt werden. Eines wird sich aber nicht ändern: Hollywood verkauft sich immer gut, deshalb dürfen bei der „Cinema“ die großen Stars vom Cover lächeln.

Die beiden Blätter „epd Film“ und „Film-Dienst“ sind dagegen weniger auf gute Verkaufszahlen und Anzeigen angewiesen – denn sie werden beide von der Kirche finanziert. Der alle zwei Wochen erscheinende „Film-Dienst“ wird von der Katholischen Filmkommission für Deutschland herausgegeben, das monatlich erscheinende Magazin „epd Film“ vom Evangelischen Pressedienst der Evangelischen Kirche Deutschland.

Gerade weil sie unabhängiger vom Erfolg beim Publikum sind, können sie es sich leisten, kleineren, teilweise weniger populären Filme mehr Platz einzuräumen. Unter Filmkritikern gelten die beiden Blätter deshalb als beliebte Kinomagazine.

„Wir haben allerdings auch keine Berührungsängste mit Blockbustern“, sagt Rudolf Worschech, Ressortleiter von „epd Film“. „Wir verstehen es aber auch als unsere Aufgabe, kleineren Produktionen eine Stimme zu verleihen.“ Massenphänomene würden ebenso beleuchtet wie Arthouse-Produktionen. Auch wenn die Kirche der Geldgeber sei, nehme sie keinen Einfluss, sagt Worschech und deshalb müssen Filme mit religiösen Themen wie „Die Päpstin“ nicht extra ausführlich besprochen werden.

„Ob ein Film zum Kassenschlager wird, könnten Magazine nicht beeinflussen“, sagt Worschech, „ aber kleinere Filme bekommen durch unsere Kritiken vielleicht überhaupt erst Aufmerksamkeit.“ So sei „Das weiße Band“ von den Filmmagazinen ausführlich besprochen worden – inzwischen ist es für den Oscar nominiert. Und da neuerdings mehr kleinere Produktionen gedreht würden, wachse auch die Relevanz der Kinozeitschriften.

Knapp 7000 Exemplare verkauft „epd Film“ monatlich, davon fast 6000 im Abonnement. In etwa so viele verkauft auch die unabhängige Zeitschrift „Schnitt“, die sich weniger auf Kritiken konzentriert, sondern sich mehr mit Film als Kunstform auseinandersetzt.

Filmemacher und Schauspieler selbst kokettieren gerne damit, die Kritiken über ihre Filme gar nicht zu lesen. Einige Berliner Regisseure allerdings haben sogar ihr eigenes Filmmagazin gegründet. „Revolver“ heißt die Zeitschrift im Taschenbuchformat, die unter anderem von Benjamin Heisenberg, Christoph Hochhäusler und Nicolas Wackerbarth herausgegeben wird und zweimal jährlich erscheint. „Bei uns geht es nicht darum, Filme zu interpretieren und zu besprechen, sondern um den Prozess und das Handwerk des Filmemachens“, sagt Wackerbarth, Schauspieler und Regisseur. Dass Filmmagazine die Macht haben, den Erfolg eines Films zu beeinflussen, glaubt er nicht. „Die beste Werbung für einen Film ist immer noch, wenn Freunde ihn empfehlen“, sagt er.

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