Film : Ein Igel lebt

Über zwei Jahre Vorbereitung, jetzt ist es ganz aktuell. Das Wirtschaftsdrama mit Märchentouch: "Frau Böhm sagt Nein" mit Senta Berger.

Christina Tilmann
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Der Film zur Finanzkrise. Manchmal greifen Spielfilme reale Ereignisse auf, manchmal nehmen sie sie sogar vorweg. -Foto: WDR

Aktueller gehts nicht. Übernahmeverhandlungen, protestierende und streikende Mitarbeiter, Manager, die sich zum Abschluss noch mal schnell millionenhohe Bonusprämien und Abfindungen genehmigen, und dann kommt der Investor aus dem Ausland und killt mal eben den Standort Deutschland. Die Bilder, verzerrt und verwackelt, könnten aus der „Tagesschau“ von letzter Woche stammen. Sie laufen in Connie Walthers Fernsehfilm „Frau Böhm sagt Nein“.

Alles wie aus der Gegenwart – nur sie nicht: Frau Rita Böhm (Senta Berger). Die stammt direkt aus den sechziger Jahren, mit ihrer kasteneckigen Brille, den streng zurückgebundenen Haaren, der Seidenschal-Kaschmirmantel-Kombination und dazu passenden Strickjacken, elegant in Beige und Braun. Und ihre Arbeitsmoral ist erst recht veraltet: Es muss alles korrekt zugehen, sagt die gestrenge Sachbearbeiterin der Hewaro AG, die es wie durch ein Wunder jahrzehntelang in der Chefetage ausgehalten hat, bei wechselnder Spitze. Nun sitzt sie in der Gegenwart eines internationalen Großunternehmens, wie aus einer anderen Zeit, in ihrem Büro voller Topfpflanzen, und auch auf dem Computer tippt sie so, als habe sie sich noch immer nicht recht angefreundet mit der Technik. Handschriftliche Notizen des Chefs sind ihr noch immer die liebsten.

Mag sein, dass das etwas krass gezeichnet ist, im Gegensatz zwischen den unmoralischen Jung-Managern und der ehrlichen Angestellten. Schon an den Brillen erkennt man die Einstellung. Schickes Design bei den Managern, Kassengestell bei Frau Böhm. Als sie sich zu Weihnachten ein neues Modell gönnt, am einsamen Weihnachtstisch mit Piccolo und Kerze, ist das fast schon Korruption. Mag sein, dass diese aufrechte Seele etwas zu märchenhaft geraten ist, wenn sie heimlich einen kranken Igel im Keller pflegt und weich wird, als die kleine Pauline (Stella Holzapfel) bei ihr übernachten muss.

In anderen Situationen wäre diese prinzipientreue Frau, die Senta Berger so streng, so verkniffen spielt, ein Ärgernis – man stelle sie sich als Finanzbeamte vor. Doch in dieser Welt eines modernen Großunternehmens wirkt diese Frau Böhm so eigenwillig fremd, als sei sie direkt aus einer Marthaler-Inszenierung entsprungen. Und wird wirkungsvoll kontrastiert durch die smarte, ehrgeizige Chefsekretärin Ira Engel (Lavinia Wilson). Zunächst ist da nur Feindschaft und Konkurrenz, zwischen beiden Frauen entspinnt sich ein Machtspiel um Einfluss und Recht. Doch Ira, die zunächst voll den Modernisierungskurs der Firma mitzutragen scheint, entpuppt sich als verzweifelt kämpfende alleinerziehende Mutter. Frau Böhm wiederum, die dem Unternehmen gegenüber jahrzehntelang loyal war und alle Chefs gedeckt hat, muss erst von Ira lernen, dass Loyalität nicht immer heißt zu schweigen und nichts zu unternehmen. Das Nein zum Betrug ist ihr mühsam abgerungen, doch der letzte Gang in die Werkskantine endet mit Standing Ovations der ganzen Belegschaft. Eine Heldin der Arbeit, ganz wider Willen.

Der Vorschlag zu „Frau Böhm sagt Nein“ kam dem WDR schon vor zweieinhalb Jahren, dann hat die Wirklichkeit den Film eingeholt, mit aller Macht. Jetzt ist „Frau Böhm sagt Nein“ der Film zur Stunde, mit seiner entschieden klaren Haltung gegenüber dem, was gerade passiert in der Welt und in der Politik: Ein Film sagt Nein. Es ist ein Wirtschaftsdrama voller Empörung und Anklage geworden, zum Glück kein Pamphlet, sondern ein differenziertes Kunststück, in klaren Bildern und abgestimmten Braun-Grau-Tönen. Nichts ist hier plakativ, das Drehbuch von Dorothee Schön, die Kamera von Peter Nix legen viel Wert auf die Zwischentöne, lassen allen handelnden Figuren ihr Dilemma, ihre Entscheidungsfreiheit.

Nur der Schluss, der ist dann überhaupt nicht mehr märchenhaft, sondern im Gegenteil leider sehr realistisch. Es kommt zum Skandal, doch die Manager behalten ihre Prämien, die Firma geht den Bach runter, die Aktionäre haben viel Geld verloren, und Frau Böhm hat umsonst auf einen Teil ihrer Rente verzichtet. Der Igel aber hat überlebt.

„Frau Böhm sagt Nein“,

ARD, 20 Uhr 15

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