Film ohne Antwort : Das Schweigekartell

Das Missbrauchsdrama „Die Mutprobe“ flüchtet sich ins Krimi-Genre.

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Jahrzehntelang haben alle weggeschaut, haben die pädophilen Neigungen von Studienrat Dr. Körbler (Peter Weck) ausgeblendet. Auch Sabine (Elisabeth Lanz) muss erkennen, wie dick die Mauer des Schweigens ist. Foto: MDR
Jahrzehntelang haben alle weggeschaut, haben die pädophilen Neigungen von Studienrat Dr. Körbler (Peter Weck) ausgeblendet. Auch...Foto: MDR/ORF/epo-film/Petro Domenigg

Seine finstere Aktualität hat dieser Film erst kurz nach den Dreharbeiten im Herbst 2009 bekommen, und das nicht in Österreich, sondern in Berlin und im Odenwald. Doch der Plot ist der alte: Der allseits geachtete Studienrat Dr. Körbler (Peter Weck), Mitglied diverser Heimatvereine, mit Freunden an höheren Stellen, geduldiger Pfleger seiner durch Schlaganfall gelähmten Frau, nach deren Tod der Gemeinde größere Summen versprochen sind – und ein Schweigekartell unter Schülern und Eltern, die von nichts wissen wollen. Ein ganzes Dorf voller Kinder, die während der Pubertät traumatisierende Erfahrungen machten und trotzdem schweigen, auch als Erwachsene noch schweigen, jahrzehntelang. Ja, sie schicken ihre eigenen Töchter beim gleichen Lehrer zum Unterricht und fragen nicht und sehen nicht hin.

Warum hat keiner was gesagt, und sei es nur, um künftigen Schülern diese Qualen zu ersparen, das ist die Frage, die immer wieder gestellt wurde, nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorfälle im Berliner Canisius-Kolleg, an der Odenwaldschule, im Kloster Ettal. Auch „Die Mutprobe“, eine Koproduktion von ORF und MDR, weiß darauf keine Antwort. Schlimmer: Der Film von Holger Barthel nach einem Drehbuch von Ivo Schneider versucht auch keine. Flüchtet sich lieber in altbekannte Krimi-Sequenzen, zeigt ausführlich die tage- und nächtelange Suche nach einem verlorenen Kind, der Showdown im Haus des Studienrats, das finstere Geheimnis im Keller und eine Gelähmte, die plötzlich zu Bewegung erwacht. Es geht um Geld und Investitionen, da wird ein Bürgermeister schon mal skrupellos und droht mit bösen Folgen, Polizisten legen falsche Fährten, und Jugendfreundinnen werden handgreiflich und verlangen: Schweig, oder sieh, dass du abhaust von hier.

Wohl wahr: Es gibt kein Zurück in die eigene Jugend. Das erfährt die kühle, einsame Familienrichterin Sabine (Elisabeth Lanz), als sie nach 16 Jahren zum Klassentreffen in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Die Gemeinschaft ist zerrüttet. Die Jugendliebe von damals (Heio von Stetten): ein cholerischer Außenseiter. Die beste Freundin: unlängst durch Selbstmord verstorben. Der Klassenprimus: inzwischen ein aalglatter Bürgermeister. Auch die anderen Klassenkameraden sind nur gerade bis zur Höflichkeitsgrenze erfreut über das Auftauchen der lange Verschollenen.

Klassentreffen sind Zeitreisen, mit offenem Ausgang. Doch aus der Begegnung mit vergangenem Glück und vergangenem Unglück entsteht hier keine Spannung, kein psychologischer Kitzel, heraus kommen nur ziemlich vorhersehbare Dialoge. Dass man in „Die Mutprobe“ spätestens nach fünfzehn Minuten weiß, was Sache ist – das wäre in diesem Fall noch nicht einmal schlimm, wenn denn der Aufarbeitung etwas mehr Glaubwürdigkeit zukäme. Warum das Dorf zusieht und schweigt, das bleibt die große Frage nach diesem Film. Die Frage, die sich auch in der Wirklichkeit so schwer beantworten lässt.

„Die Mutprobe“, ARD, 20 Uhr 15

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