Film über die Modebibel : Die fetten Jahre sind vorbei

Eine Dokumentation zeigt, wie Anna Wintour die „Vogue“ regierte. Und dann kam die Krise

Sonja Pohlmann

Neulich trug der „Teufel“ dann tatsächlich Prada. Als Anna Wintour, Chefredakteurin der US-„Vogue“ in New York zur Premiere des Films „The September Issue“ kam, stolzierte die 59-Jährige in einem Kleid der italienischen Modemarke über den roten Teppich – und bewies feinen Humor. Wintour war 2006 Vorbild gewesen für die von Meryl Streep gespielte Miranda Priestly, herrschsüchtige und gefürchtete Macherin des Modemagazins „Runway“ im Film „Der Teufel trägt Prada“. Das Buch dazu kam von Wintours ehemaliger Assistentin. In Wintours Vorzimmer zu arbeiten, ist die Hölle auf Erden, musste man nach Lektüre und Film denken.

Jetzt wollte Anna Wintour zum Gegenschlag ansetzen – und ging auf die Anfrage des Filmmachers R. J. Cutler ein, keinen fiktiven, sondern eine reale Dokumentation ihres Arbeitsalltags zu drehen. „The September Issue“ heißt sie und ist gerade in den amerikanischen Kinos angelaufen, in Deutschland ist der Film ab Ende September als DVD erhältlich.

Cutler, der schon mit „The War Room“ den Wahlkampf von Bill Clinton 1992 begleitet hatte, zeigt in „The September Issue“ die Vorbereitungen der „Vogue“-Ausgabe für den September 2007. Die September-Ausgabe ist die wichtigste des Jahres, mit ihr wird das neue Modejahr eingeläutet: Neue Kollektionen werden präsentiert, Trends gesetzt. Gleich aus zweierlei Sicht ist Cutler ein faszinierendes Stück gelungen. Zum einen kommt er Wintour sehr nahe, zum anderen wirkt sein Film wie ein Relik aus einer anderen Zeit. Heute, zwei Jahre später, hat sich der Magazinmarkt durch die Wirtschaftskrise erheblich verändert.

Wintour herrscht damals wie heute rigoros. Die Doku zeigt sie nicht als Teufel, sondern als gleichzeitig gefürchtete wie verehrte Gottheit der Modebranche. Designer wie Oscar de la Renta zeigen Wintour vorab ihre Kollektionen, kräuselt die Modepäpstin unzufrieden ihren Mund und presst ein „wenig aufregend“ heraus, werden die Stücke aus der Show genommen. Das Lächeln des Cover-Models Sienna Miller schimpft Wintour als zu „groß und zahnig“; ein Redakteur verlässt geknickt ihr Büro, nachdem sie nach der Präsentation seines Stücks mit bedrohlichem Unterton fragt: „Wo ist hier der Glamour? Wir sind die ,Vogue’ …!“

Allerdings, 2007 war die „Vogue“ eine andere als heute – es war die dickste Ausgabe aller Zeiten: 840 Seiten, davon 727 Anzeigen! „Fearless Fashion“, furchtlose Mode wurde damals in großen Buchstaben auf dem Titel proklamiert. Heute, zwei Jahre später, sind die Modebranche und ihre Bibel alles andere als sorgenfrei.

Unlängst mussten Häuser wie Escada und Christian Lacroix Insolvenz anmelden, und auch für die „Vogue“ sind die fetten Jahre nach der Wirtschaftskrise vorerst vorbei: Die September-Ausgabe 2009 ist auf 584 Seiten geschrumpft, die Anzeigen sind im Vergleich zu 2008 um 37 Prozent zurückgegangen. Der Verlag Condé Nast, der neben der „Vogue“ auch Hochglanzmagazine wie die „Vanity Fair“ und „W“ herausgibt, hat seinen Blättern eine Budgetkürzung von 15 Prozent verordnet.

Auch die deutsche „Vogue“, die in diesen Tagen ihr 30. Jubiläum feiert, leidet unter der Krise. Fast 29 Prozent weniger Anzeigen wurden in der September-Ausgabe 2009 im Vergleich zum Vorjahresheft geschaltet.

Inzwischen hat die Unternehmensberatung McKinsey bei der US-„Vogue“ Einzug gehalten, berichtete die „New York Times“. Aber verstehen Berater, die ihren Taschenrechner so sehr lieben wie Fashion-Victims ihre It-Bags, dass ein „Vogue“-Shooting abgesehen vom Starfotografen 30 Assistenten, Lichtexperten, Haar- und Make-up-Stylisten und eines Caterers bedarf, der das Set mit Essen für 5000 Dollar versorgt?

Doch selbst „Vogue“-Redakteure fangen an, auf Preisschilder zu schauen. Taschen für 700 Dollar statt 1500 Dollar werden auf den Modeseiten empfohlen, Tipps gegeben, wie man sich mit kleinerem Budget gut kleiden kann – wobei klein relativ gesehen wird. Denn auch das macht Cutlers Film deutlich: Die „Vogue“ steht für Wünsche und eine Welt des Glamours, in die ihre Leserinnen eintauchen können. Allein deshalb wird aus „Vogue“ nie eine „Petra“ gemacht. Ohnehin würde das Wintour, an deren Thron von der französischen „Vogue“-Chefin Carine Roitfeld mal wieder kräftig gesägt werden soll, nicht zulassen. „She’s like Madonna“, sagt Designer Thakoon über Wintour. Das stimmt vielleicht in Bezug auf Starallüren, doch während die Popqueen immer wieder ihr Image ändert, bleibt Wintour ihrem Motto treu: Glamour!

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