FILM & FREIHEIT : Südafrikas Geschichtsschreiber

Ohne schwarze "Stringer" gab es keine Bilder aus Soweto. Ihr Material ist gerettet, ihre Zukunft unsicher.

Hadija Haruna[Johannesburg]
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Die Kamerateams der ARD-Mitarbeiter waren in den 80er Jahren in den Townships von Soweto. -Foto: ARD

Die Geschichte der Apartheid in Südafrika befindet sich auf 6000 Videobändern. Es ist unersetzliches Filmmaterial, das die ARD seit 1978 in ihrem kleinen Büro in Johannesburg lagert. Eine Schatztruhe für Filmer und Historiker, weil selbst südafrikanische Fernsehanstalten nicht über vergleichbares Material verfügen. Uralte Kassetten reihen sich an 16-Millimeter-Filme. Es sind drastische Bilder auf den Bändern, die nach 20 Jahren anfangen körnig zu werden, an Qualität und Spannkraft verlieren. Seit Anfang des Jahres hat das ARD-Team deshalb das Material gesichtet, sortiert und digitalisiert. Das Rohmaterial geht an die Universität Kapstadt, die ein südafrikanisches Medienarchiv aufbaut. Das „Visual History Archive“. Es ist Teil des „Memory of the world“- Projektes der UN-Kulturorganisation Unesco – eine Art Weltgedächtnis.

„Das Videomaterial soll für die Nachwelt gerettet werden“, sagt ARD-Korrespondent Richard Klug. „Nächstes Jahr steht die WM vor der Tür und es wird eine große Nachfrage nach digitalisiertem Archivmaterial geben. Die Geschichte Südafrikas wird dann noch einmal neu erzählt werden.“ Und das mit Filmmaterial, das vor dem Ende der Apartheid 1994 vor allem von schwarzen Südafrikanern gefilmt wurde. Sie waren und sind vielfach noch immer die „Stringer“, freie Mitarbeiter, ohne die kein westlicher Korrespondent auskommt. Nur sie konnten in die sogenannten Homelands und Townships wie Soweto gelangen. „Wir waren Nachrichtenreporter, die gegen den Staat gekämpft haben“, sagt Bokang Mbethe, der seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, weil er nicht im Rampenlicht stehen will. Es sei eine Form des politischen Widerstands gewesen, sagt Joe Mfana. Auch er arbeitete für eine der drei großen internationalen Nachrichtenagenturen, die damals Wiznews (heute Reuters), WID (heute AP) und CBS hießen und Fernsehsender wie ARD, ZDF oder BBC belieferten. Mfana: „Wir hatten nichts zu verlieren. Damals stand jeder in der ersten Reihe, um notfalls für die nächste Generation zu sterben.“

Wir schreiben das Jahr 1987. Die Polizei, der Feind Nummer eins. In gelb-blauen Wagen fuhr sie Streife ohne Nummernschilder, damit niemand sie identifizieren konnte. Die sogenannte „Witdoeke“-Einheit galt als die gefährlichste. Eins ihrer Ziele war die Auflösung der Gemeinschaftsstrukturen in den Townships: „Mit dem Versuch, die Gewalt unter Schwarzen zu schüren, wollte sie von ihrer eigenen Politik ablenken“, sagt Mbethe. Unterstützung habe sie sich bei der von ihr beauftragten United Democratic Front (UDF) geholt. Die Einheit, bestehend aus schwarzen, afrikanischen Migranten, versuchte sich als Journalisten auszugeben. „Um uns als Vertreter ausländischer Medien von ihnen zu unterscheiden, fuhren wir immer große, dicke Wagen und haben auf Englisch gesprochen“, sagt Mfana.

Kämpfe, Aufstände, Widerstände, Demonstrationen – jeder Tag Notstand: In den 70er Jahren hieß der Brennpunkt Soweto, in den 80er Jahren dann Kapstadt. „Wir sind morgens vor Sonnenaufgang zu zweit mit den Kameras und einem Pieper ausgestattet über den Fluss in den Township. Der Runner ist mit einem leeren Wagen über die Einfahrt hineingekommen, wo die Polizei kontrollierte“, sagt Mbethe. Beim Drehen habe man sich als Journalist nie in die Mitte, zwischen die Polizisten und die Demonstranten gestellt, sondern immer nach außen, sagte Mfana. „So sind wir den Steinen und Knüppeln ausgewichen, konnten aber die Kamera draufhalten. Der Runner ist dann Zick-Zack mit den 20-Minuten Bändern durchs Township gerannt, um sie an einen sicheren Ort zu bringen.“ Wenn es hart auf hart gekommen sei, hätten ihnen Bewohner der Townships geholfen. „Dann war einfach jeder ein Journalist und damit theoretisch jeder der Gesuchte. So hatte die Polizei es schwer jemanden einzusperren; die hatten sowieso Schwierigkeiten uns Schwarze auseinanderzuhalten“, betont er schmunzelnd.

Abends habe man dann zusammen gesessen, Whiskey getrunken, Meeresfrüchte gegessen und „nicht über die Ereignisse des Tages gesprochen“, sagt Mbethe. „Wenn du filmst, denkst du nur an den Beitrag – nicht, dass da gerade jemand vor deiner Linse verblutet. Und am nächsten Tag bist du wieder raus, weil du es einfach so machen musstest.“ Nachts im Bett aber seien die Bilder dann doch oft hochgekommen, sagt Mfana. Einfach sei es nicht gewesen.

Dann 1990, die Entlassung Nelson Mandelas aus 27-jähriger Apartheid-Haft. Das journalistische Geschäft in Südafrika verändert sich. „Plötzlich mussten dieselben Polizisten, die uns verfolgt hatten, Mandela schützen und uns Journalisten Zugang gewähren. Eine unvorstellbare, absurde Situation“, sagt Mfana. Das Land habe innerlich gebrodelt und kurz vor der Explosion sei das Ende der Apartheid eingetreten. „Aufgestaute Wut nach einem schnellen Wechsel – das ist ein Grund, warum die gesellschaftliche Situation heute noch so schwierig ist.“

Frieden, Einheit und Gleichberechtigung hatte der Demokratisierungsprozess bringen sollen. Journalisten wie Mfana und Mbethe machten die Erfahrung, plötzlich vor verschlossenen Türen zu stehen. Die Menschen fühlten sich betrogen von der Regierung, vom Wandel, vom neuen Südafrika, weil sich ihre Situation auch nach dem Ende der Apartheid nicht drastisch und schnell genug verbessert habe. Gebrochene Versprechen: „Warum sollten diese Leute uns Journalisten noch bereitwillig ihre Geschichten erzählen wollen. Sie glauben eben nicht mehr, dass wir Medien etwas verändern können“, sagt Mbethe. Er sieht jedoch in dieser Entwicklung nichts Schlechtes. „Vor dem Ende der Apartheid hatten wir keinen Zugang zum Establishment, dafür zu den Menschen. In der Übergangsphase hatten wir Zugang zu beiden und heute sind die Türen zu beiden verschlossen. Das journalistische Geschäft läuft eben jetzt in Südafrika wie überall auf der Welt. Man muss um seine Geschichten kämpfen.“

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