Film : Yogis Sklaven

Ein beeindruckender ARD-Film über Gewalt und Abhängigkeit an Schulen.

Markus Ehrenberg

Wenn auch nur ein Bruchteil an dem dran ist, was dieser Fernsehfilm zum Thema Jugendgewalt so alles ausbreitet, müsste man sein Kind sofort von der Schule holen. Das Modell „Sklaven und Herren“, Psychoterror unter Teenagern, es ist schon erstaunlich, was für einen harten Stoff das Erste da zur Primetime auf die Zuschauer loslässt. Abhängig gemachte Mädchen, die in den Selbstmord getrieben, auf Handys aufgenommene Folterszenen, die im Internet verbreitet werden, Webcams in Umkleidekabinen, überforderte Lehrer, sprachlose Eltern – man mag die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Klaus-Peter Wolf für reißerisch und spekulativ halten, gleichgültig lässt einen der Film nicht.

Zumal dieses Fernsehdrama, wie sonst im Genre üblich, keine einfache Lösung anbietet. Keine Versöhnung, nirgends. Kein Lob für Gute, keine Bestrafung für Böse. Nichts. Nur Verstörung. Wo soll man auch hin mit dem 18-jährigen Yogi (hoch talentiert: Franz Dinda), der eine Handvoll Jungen und Mädchen auf dem Schulhof zu seinen persönlichen „Sklaven“ zählt? Der sie vollkommen emotionslos von einer qualvollen Situation in die andere schickt, das alles mit der Handykamera aufzeichnet, die Videos triumphierend im Internet verbreitet und wiederum seinem persönlichen Herren zeigt.

Ein Albtraum, scheinbar unausweichlich. Es gibt auch keine Antworten. Zum Beispiel auf die nahe liegende Frage, wieso hier einer mal Herr sein wollte und der oder die andere vielleicht Sklave. Das Ganze erinnert an die Jugendbande aus Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, deren Leben sich um Gewalt an Wehrlosen, Vergewaltigungen und Raubüberfälle dreht. Wir sind hier aber nicht in einem Zukunftsroman, sondern mitten in einer deutschen Großstadt (Frankfurt), und wer schon mal die eine oder andere Gewalt-an-Schulen-Meldung im Lokalteil seiner Tageszeitung gelesen hat, ahnt, dass es so oder auch so ähnlich zugehen kann wie in diesem Fernsehfilm. Irgendwoher müssen die Sex- und Gewalt-Handyvideos im Internet ja kommen.

Yogis Mutter (Susanne Schäfer) weiß von alldem jedenfalls nichts. Auch nicht Carla Pohl (Anna Thalbach), die Mutter von zwei Schülern/Opfern, der 18-jährigen Tina und ihrem kleinen Bruder Klaus, die sich gegen das bedrückende Geflecht aus Macht, Faszination und Abhängigkeit der „Herren“ zu wehren versuchen. Ein bisschen Wärme und Hoffnung wird vom Vertrauenslehrer Jan Schäfer (Fabian Busch) verbreitet, Carlas Freund, der zwischen allen Fronten steht. Die beiden Kinder seiner Geliebten lehnen ihn als Ersatzvater ab – und bringen Schäfer am Ende in höchste Gefahr.

„Guten Morgen, Herr Grothe“ (über einen allzu verständnisvollen Pädagogen und seinen Problemschüler), „Wut“ (über den Konflikt zwischen einer Bildungsbürgerfamilie und einem türkischstämmigen Jugendlichen), jetzt „Sklaven und Herren“ – der Fernsehfilm im Ersten scheint sich auf das Scheitern der Kommunikation zwischen Erwachsenen und Jugendlichen und den sozialen Brennpunkt Schule eingeschossen zu haben. Da bietet die Regie (Stefan Kornatz) auch keinen Trost mehr. Blut auf Pflastersteinen, Trabantensiedlungen, leere Klassenräume.

Eltern sollten diesen Film zusammen mit ihren Kindern sehen und, wenn möglich, darüber reden. Wer weiß, wie der Yogi an ihrer Schule heißt.

„Sklaven und Herren“,

ARD, 20 Uhr 15

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