Filmkritik : Berliner, wie habt ihr euch verändert

1948, 1961, 1989: "Die Wölfe" gehen auf Zeitreise durch die zerstörte, geteilte und wiedervereinigte Stadt. Das dreiteilige Doku-Drama des ZDF ist eine fiktionale Geschichte mit dokumentarischem Anspruch.

Joachim Huber
Die Wölfe
Verkrampft. Die "Wölfe" treffen sich nach 28 Jahren auf der Hochzeit von Miriam und Thomas wieder. -Foto: ZDF

Er nimmt kurz Anlauf, springt über den Stacheldraht, wirft seine Maschinenpistole weg und klettert in ein bereitstehendes Fahrzeug, das in hohem Tempo davonbraust. Conrad Schumann, 19-jähriger Unteroffizier der Bereitschaftspolizei der DDR, ist aus dem sowjetischen Sektor in den französischen Sektor Berlins gesprungen, von Ost nach West. Das passierte am 15. August 1961, zwei Tage zuvor hatte der Bau der Berliner Mauer begonnen. Die Flucht des Conrad Schumann, festgehalten auf Film und Fotos, gehört zur Ikonografie der deutschen Geschichte.

Und sie gehört in den zweiten Teil der ZDF-Filmtrilogie "Die Wölfe". Kurt (Aljoscha Stadelmann) und Bernd (Florian Lukas) stehen an der Bernauer Straße/Ecke Ruppiner Straße. Wütend verfolgen sie die Teilung Berlins, fassungslos erleben sie die Flucht des Conrad Schumann. Kurt und Bernd haben im August 1961 dort nie gestanden, beide Zeitzeugen sind pure Fiktion, ausgedacht von den Drehbuchautoren Christoph und Friedemann Fromm. Der filmische Wechsel von Schumann zu Kurt/Bernd zu Schumann zu Kurt/Bernd ist Konzept. "Die Wölfe" sind "eine neue Form des Doku-Dramas", sagt ZDF-Historiker Guido Knopp. Was er meint: Ein Doku-Drama der, sagen wir, Heinrich-Breloer-Schule, wäre mit Filmzitaten, Zeitzeugen und Kommentarstimmen immer wieder aus der Spielhandlung herausgetreten. Das Doku-Drama des ZDF geht anders vor. Es will eine, seine fiktionale Geschichte mit dokumentarischem Anspruch, das Erfundene wird durch das Gefundene beglaubigt, das Fiktionale durch das Faktische in den Stand des So-wird-es-gewesen-Sein gehoben.

Großes, großartig gemachtes Fernsehen

Das bringt - neben allem Authentizitätsgehabe - Probleme mit sich. Bei Breloer sind die Ebenen voneinander getrennt, bei den Fromms sind sie ein Amalgam. Es ist der hohen Schule des Szenenbildes (Frank Godt), aller inszenatorischen Mittel und der Kamera von Hanno Lentz geschuldet, dass die Einspeisungen des dokumentarischen Materials - Schwarzweiß, Video, verwaschene Farben - in das "Wölfe"-Werk so punktgenau und fugenlos erfolgen können. Die Frage ist nur, ob der unkundige, der unkonzentrierte, der junge Zuschauer die beiden Oberflächen voneinander unterscheiden kann, ob er die Schumann-Sequenz als historisches Zitat erkennt oder als Sonderleistung heutigen Fernsehschaffens missversteht. Sind solche Rufe nach Anführungszeichen, Kenntlichmachung nur Phantomschmerzen eines Kritikers?

Denn das sind "Die Wölfe": großes, großartig gemachtes Fernsehen. Die Wirklichkeit der Zeitläufe dringt in den Spielfilm ein, trotzdem bleibt ihre Darstellung eine Kunst. Wie weit man kommt, wenn man sie beherrscht, dafür legt der Dreiteiler Zeugnis ab. Bernd, Kurt, Jakob, Ralf, Lotte und Silke, so um die 14, 15, personalisieren, emotionalisieren 41 Jahre Zeitgeschichte, markiert vom Berlin der Nachkriegsgeschichte 1948 bis zum Berlin des Mauerfalls 1989. Wenn ein Film in ein möglichst vielköpfiges Publikum hineinwirken will, dann sollte er zahlreiche Angebote zur Identifikation bereithalten. Da haben die Gebrüder Fromm beim Ausfalten der Biografien kaum eine Chance ausgelassen: Kurt, stets hungriger Sohn eines Nazimitläufers mit Witterung für ein gutes Schwarzmarktgeschäft; Lotte übt für Sängerinnenkarriere und hütet zugleich ihren kleinen Bruder Ralf; Jakob hat als einziger seiner jüdischen Familie die Vernichtungslager der Nazis überlebt; Silke, lebenslustig, lebenstüchtig, findet Jakob toll und in der ostdeutschen FDJ eine neue Heimat; Bernd, dessen Vater noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist und dessen Mutter sich mit den GIs einlässt, buhlt mit Jakob um Lottes Gunst. "Nichts kann uns trennen, nicht mal der Tod", heißt der einhellige Schwur.

Eine tiefe Verbeugung vor dem Casting

Die Sechserbande wird über drei mal 90 Minuten in die Zeitmaschine gesetzt. Part eins lässt die Ereignisse und Erlebnisse um die Luftbrücke kreiseln, die Fortsetzung ist auf den Mauerbau 1961 in Berlin und die Teilung der "Wölfe" nach West (Bernd, Ralf, Kurt, Lotte) und Ost (Jakob und Silke) konzentriert, der Schlusspunkt bringt im Taumel der friedlichen Revolution, des Mauerfalls den Höhepunkt: Ein ungewolltes, überraschendes Wiedersehen wegen der Hochzeit des Jakob-Silke-Sohnes mit der Bernd-Lotte Tochter. Die Hochzeit steht auch am Anfang der Geschichte. Hier sieht''s nach Katastrophe aus, was von den Fromms überaus geschickt intoniert ist, weil der Zuschauer jetzt auf die Leimspur der 270 Minuten gehen muss, um zu erfahren, wie es dazu kam, dass es so kommt.

Je später die Handlung, desto prominenter die Schauspieler. Eine tiefe Verbeugung vor dem Casting, für das die Ziegler Film-Produktion und namentlich Heta Mantscheff verantwortlich zeichnen. Jakob - Neel Fehler (1948)/ Florian Stetter (1961)/ Matthias Brandt (1989) - oder Bernd - Vincent Redetzki/Florian Lukas/Axel Prahl - oder Lotte - Henriette Confurius/Annett Renneberg/Barbara Auer - mögen stellvertretend für die sechs Hauptfiguren und 106 Sprechrollen genannt sein. Das ist ein Fest feinen Schauspiels, das zeigt, dass weder mit Schminke noch mit Computergrafik der eine viel jünger oder viel älter gemacht werden muss, wenn Casting und Können in eins gehen, wenn die Regie des Friedemann Fromm die Protagonisten so klug und so unaufgeregt auf die Erzählung verpflichtet. 17 Schauspieler verteilt auf sechs Protagonisten (eine Figur muss sterben) - und kein Abfall in der Leistung und in der Hingabe.

Sind sie geworden, was sie werden wollten?

"Die Wölfe": Zeitgeschichte wird Menschengeschichte wird Geschichte in Berlin. Es sind 41 Jahre, in denen Menschen ihr Leben weniger in der eigenen Hand hatten als Jugendliche heute. Muss sich der Jude Jakob an die Stasi verkaufen, muss der gerissene Bernd das Leben als Tauschhandel leben, muss Kurt eine Westberliner CDU-Bau-Boulette werden? Der Film will nichts weniger als das so Unabdingbare von Biografien mit Fragezeichen versehen. Es gab da in diesem Land eine Nachkriegsgeneration, deren viele Vertreter wieder und wieder vor Weggabelungen standen, die sie sich selbst nicht hingestellt hatten. Links? Rechts? Ost? West? Unten? Oben? Launen des Schicksals, die Umstände übernahmen die Planungen und dann, als die Nachkriegsjungen erwachsen geworden waren, hätten sie dieses und jenes ändern können, vielleicht wollen, aber die Prägungen, das Eingegraben-Sein im eigenen Arrangement! Tief hinterm Bildschirm- Horizont flüstert der Film die Frage, ob Menschen das geworden sind, was sie werden wollten. Es ist die Frage nach dem Glück, nach dem Geglückten eines Lebens. Und das alles fragt der Film, während Rosinenbomber über Mauern donnern, Bauarbeiter eine Mauer hochziehen, Menschen eine Mauer einreißen.

"Die Wölfe", ZDF, Donnerstag, 21 Uhr, 2. und 3. Februar um 20 Uhr 15

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