Medien : Florett ohne Fischer

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Der Grüne Salon. n-tv. Zugegeben, ich war gespannt auf Andrea Fischers Premiere. Und dann gab es gleich drei Premieren: Friedrich Merz war das erste Mal Gast ohne Amt; Claus Strunz das erste Mal als Ersatz-Eggert zugange, und Andrea Fischer talkte als Böhme- Nachfolgerin. Es war eine vergnügliche Sendung, es wurde gelacht, gefragt, nachgehakt, es war mal ernsthaft, mal weniger – insgesamt erstaunlich unterhaltsam.

Den geringsten Anteil an diesem erfreulichen Ergebnis hatte, leider, Andrea Fischer. Sie selbst hatte sich folgendermaßen charakterisiert: Ich bin am besten spontan, habe Humor, kann gut zuhören, streite gern in der Sache und hake nach, vielleicht mit scheinbarer Naivität… Eine eierlegende Wollmilchsau also, wie man den Wolpertinger auch nennt, ein Fabelwesen, das die deutsche Talklandschaft beglücken würde. Den Böhme-Gestus hat sie übernommen – die zusammengesackte Haltung, das verschmitzte Lächeln und die manchmal verschwurbelten Fragen.

Allerdings wurde sie von ihrem Reserve- Partner locker an die Wand getalkt. Er landete schnelle, klare, kleine und präzise Fragen, war sehr präsent und wendig, konzentriert und bemerkenswert uneitel, an der Sache interessiert und zu keinem Moment irgendeiner Verbrüderung verdächtig. Andrea Fischer war besorgt um gute Stimmung, fragte – mit wenigen Ausnahmen – lächelnd und deutlich harmonieheischend nach. Und Merz? Merz war, wie er selbst sagte, sehr entspannt. Und souverän im Umgang mit dem Medium: Als er gut gelaunt ankündigte, er werde nur sehr eingeschränkt Einblicke in sein Innenleben geben, dann definierte hier einer – und zwar deutlich auch für das Publikum – die Spielregeln der Sendung mit. Und als Fischer ihn als den Fachmann der Union für die Wirtschaft anpries, entlarvte er mit seinem „das hätten Sie mal als Politikerin sagen sollen“ ihr Lob als reine Taktik.

Erstaunlich, was Politiker so zu sagen haben, wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Beispiel Merz: Wir, die Politiker, sind Teil des Problems und nicht die Lösung! Hut ab! – wann sagt einer sowas mal laut? Und dass man den Bürgern viel mehr zumuten und zutrauen kann, als die Politiker das aus (wahl)taktischen Gründen tun. Dass wir in Zukunft nämlich alle mehr berappen müssen: für Bildung, für unsere Altersversorgung und die Gesundheit. Immerhin!

Stellenweise war das Zusammenspiel Strunz/Merz wie Florettfechten in einem Tempo, dem Andrea Fischer einfach nicht gewachsen war. Strunz machte Pointen, Merz auch und Fischer untaugliche Versuche, sich draufzusetzen und dranzubleiben. Eine gelungene Premiere? Für Merz und vor allem für Strunz allemal (Obacht, Fernsehen: den muss man haben!) Und für Andrea Fischer? Da halten wir’s mit Beckenbauer: schaumermal! Désirée Bethge

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